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    <title>NEUESTE BEITR&#196;GE FEED</title>
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      <title>VIER SCHN&#196;BEL, EIN MITTSOMMER</title>
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      <pubDate>Fri, 11 Jul 2025 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>Der norwegische Wald ist erwacht und der Frühsommer steht in voller Blüte. Die langen Tage haben das Land aus dem tiefen Winterschlaf geholt. Die klare Luft riecht nach Erde, nach feuchtem Holz und nach frischem Gras. Vögel singen aus allen Richtungen, jeder auf seine Weise, und über allem liegt ein sanftes, weiches Licht, das nur in diesen nordischen Breiten zu finden ist. Zwischen moosbewachsenen Sümpfen und dichten, silbrig-grünen Birken liegt eine kleine Lichtung. Hier scheint die Sonne morgens zuerst hin. Das Gras auf dem Boden ist noch feucht vom Tau, der in feinen Tropfen an den Halmen glitzert. Das Moos ist sattgrün, weich wie ein Teppich und bedeckt Steine, Wurzeln und alte Baumstümpfe. Kleine Insekten tanzen im Licht, und irgendwo in der Ferne ruft ein Kuckuck. Am Rande dieser Lichtung steht eine alte Hütte. Sie ist einfach gebaut – aus grobem Holz, das von Wind, Regen und Schnee verwittert und rissig geworden ist. Die Hütte ist schwarz und steht stolz an dieser stillen, wilden Ecke der Welt. Seit Jahrzehnten trotzt sie der arktischen Winterkälte und der warmen Luft des skandinavischen Sommers. An der Südseite der Hütte befindet sich ein Anbau – eine offene Sommerstube. Es ist ein überdachter Außenplatz mit groben Holzbalken und einem schrägen Grasdach, das den Regen abhält. Im Inneren der Stube befindet sich ein kleiner Tisch mit zwei Korbstühlen. Daneben lehnt ein alter Besen an der Wand und auf dem Tisch aus rauem Holz liegt ein verstaubtes Glas mit Schrauben und ein in die Jahre gekommener Angelhaken, der langsam verrostet. In einer Ecke wachsen Brennnesseln durch die Bodenritzen, und am Fensterrahmen hat sich ein kleiner Farn angesiedelt. Diese Sommerstube ist ein Ort für stille Pausen, für den ersten Kaffee des Tages oder für ein spannendes Buch im Schatten. Doch meist ist sie verlassen – und genau deshalb ist sie still genug, um neues Leben willkommen zu heißen.</p>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">Geburtsstätte</h2>
<p>Die beiden Grauschnäpper sind kaum größer als eine Kinderhand. Ihr Gefieder ist schlicht grau-braun, doch in der Bewegung sind sie anmutig, schnell und zielstrebig. Ihre Augen glänzen dunkel – wachsam, aufmerksam wie kleine Spiegel der Umgebung. Sie sind zurückgekehrt aus dem Süden, aus fernen, warmen Ländern, über Wüsten, Städte, Meere hinweg. Nun sind sie hier, im hellgrünen Herz des norwegischen Frühsommers. Sie prüfen die Sommerstube mit kurzen, schnellen Flügelschlägen. Einer setzt sich auf den Stuhlrand, der andere späht unter das Dach. Der alte Besen, der windschiefe Tisch, der Fensterrahmen, auf dem eine alte Wurzel liegt – alles wird beobachtet, als wollten sie sichergehen, dass dieser Ort wirklich still ist, dass kein Marder kommt, kein Mensch stört, kein Greifvogel sie sieht. Dann entscheiden sie sich. Ganz hinten, dort, wo die alte Wurzel auf dem weisen Fenstersims liegt, befindet sich eine ruhige Ecke. Im Schatten, windgeschützt, aber offen genug, um beim Anflug nicht abzuprallen. Es ist kein sichtbarer Platz. Doch für diese kleinen Vögel ist er ideal. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_01.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_01"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_02.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_02"></figure>
<p>Am nächsten Morgen beginnt der Bau. Zunächst bringen sie trockene Halme, sorgfältig ausgesucht im hohen Gras. Dann folgen feine Zweige, etwas Birkenrinde und ein paar Fäden von Spinnweben, die in der Fensterecke hängen. Sie arbeiten zügig, aber ohne Hast. Immer wieder verschwinden sie im Unterholz, tauchen in den Wald ab und kehren mit neuen Materialien zurück. Langsam wächst das Nest. Es wird rund, dicht und weich – fest verankert in der Ecke, aber innen so zart gepolstert, als wüssten die Vögel genau, wie empfindlich das Leben ist, das hier bald entstehen soll. Zwischen dem alten Holz der Sommerstube unter dem Licht des langen Tages, entsteht ein neues Zuhause – unscheinbar für die Welt, aber von größter Bedeutung für diese zwei kleinen Vögel. Bald wird es stiller um das Nest. Der Bau ist vollendet. Die beiden Grauschnäpper hocken eng nebeneinander, fast regungslos. Dann, eines Morgens, bleibt das Weibchen im Nest. Es bewegt sich kaum noch. In der Mulde liegen nun fünf kleine Eier – blass gesprenkelt, kaum größer als eine Haselnuss. Das Männchen fliegt allein durch den Wald, bringt Futter und bewacht die Umgebung. Und wieder hält die Welt den Atem an. Denn etwas wächst. Unsichtbar, zerbrechlich, aber mit voller Kraft.</p>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">In Stille wächst das Leben</h2>
<p>Während draußen der Wind durch die Birken streicht und das Licht der langen Tage durch das kleine Fenster der Sommerstube wandert, sitzt der Grauschnäpper still auf seinem Nest. Tief in der Mulde aus Halmen und Zweigen beschützt er die hell gefleckten Eier. Tag für Tag verharrt der Vogel dort – reglos, wachsam, mit halb geschlossenen Augen. Er scheint eins zu werden mit dem Holz, dem Schatten und der Stille. Nur manchmal flattert er kurz davon, um sich zu stärken, doch bald kehrt er zurück, als zieht ihn eine unsichtbare Kraft wieder auf seinen Platz. In dieser Zeit geschieht kaum etwas Sichtbares, und doch ist alles in Bewegung. In den Eiern formt sich Leben – leise, verborgen, konzentriert. Es ist eine Zeit des Wartens, aber auch eine Zeit der Tiefe. Die Welt da draußen mag drängen, locken, rufen – doch der Grauschnäpper zeigt, was es heißt, ganz bei einer Sache zu sein. Keine Eile, kein Umherirren, nur Wärme, Geduld und ein stilles Vertrauen in das, was werden will. Vielleicht erinnert uns dieses Bild daran, dass auch wir manchmal innehalten dürfen. Dass nicht jedes Tun laut sein muss – dass etwas Großes wachsen kann, wenn wir still genug sind, es zuzulassen.</p>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">Geburtsstunde</h2>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_03.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_03"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_04.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_04"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_05.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_05"></figure>
<p>Nach zwei Wochen beginnt es im Nest zu zucken. Es ist Mittsommer und die Eierschalen vibrieren wie von unsichtbarer Hand gerührt. Ein winziger Riss – dann ein zweiter. Die zarten Schalen splittern, als würde ein leiser Blitz durch sie fahren. Schließlich drückt sich ein feuchter, nackter Kükenkörper ins Leben. Die Haut durchscheinend, der Kopf schwer. Bald folgen die anderen, eines nach dem nächsten, als hätte ein stiller, geheimer Takt den Moment bestimmt. Vier kleine Schnäbel sperren sich weit auf – blind, gierig, zitternd. Nur das fünfte Ei bleibt still. Ein paar Tage später wird es fortgetragen, weit weg vom Nest. Die Eltern verschwenden keine Energie. Alles gehört jetzt den Lebenden.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_10.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_10"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_11.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_11"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">Nahrungsbeschaffung</h2>
<p>Nun beginnt das unermüdliche Treiben. Die Altvögel sind pausenlos unterwegs. Zwischen Farnwedeln und Walderdbeeren, unter bemoosten Ästen und im taumelnden Flug jagen sie alles, was klein genug ist, um in einen Jungvogelschnabel zu passen: Fliegen, Spinnen, Ameisen, winzige Käfer, manchmal eine Raupe – dick, saftig und weich. Sie kennen jedes Nest von Blattläusen und jede sonnige Lichtung, wo Mücken tanzen. Immer wieder taucht ein Schatten auf, landet am Nestrand und verschwindet wieder im Wald. Eines Morgens schimmert es plötzlich blau zwischen den Gräsern. Eine Libelle – groß, schillernd, lautlos – schwebt über einer seichten Pfütze. Sie hängt einen Moment wie eingefroren in der Luft, dann schießt sie weiter, pfeilgerade. Der Vatervogel ist schon unterwegs. In weitem Bogen fliegt er höher, kreist einmal und hält den Kopf starr. Dann stürzt er sich im Sturzflug hinab, durchschneidet das Licht und erwischt die Libelle knapp über dem Boden. Ihre Flügel knistern leise zwischen seinem Schnabel. Zurück am Nest kommt auch die Mutter angeflogen. Sie trifft ihn auf der Wurzel, und was nun folgt, ist eine Zeremonie: Mit kleinen Bewegungen reißen sie der Libelle die Flügel ab. Vorsichtig teilen sie den Leib in zwei Stücke. Jedes ist lang, glänzend und noch zuckend. Dann füttern sie – erst einem, dann dem nächsten. Die Schnäbel der Jungen sperren sich weit auf, gierig und doch wartend. Jeder bekommt seinen Teil. Einer würgt heftig beim Schlucken, als ob das große Stück ihm fast zu viel sei.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_06.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_06"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_07.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_07"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_08.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_08"></figure>
<p>Die Kleinen wachsen mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Nach vier Tagen überzieht ein feiner Flaum ihre faltige Haut. Er bewegt sich im Takt ihres Atems kaum sichtbar. Nach acht Tagen brechen erste Federkiele durch. Winzige Flügelansätze spreizen sich übungshalber – aber noch ohne Kraft. Ihre Augen öffnen sich langsam. Zuerst öffnet sich ein kleiner schmaler Schlitz - dunkle, glänzende Knopfaugen blinzeln, als könnten sie den Wald noch nicht erfassen. Man hört sie jetzt, wenn man vorbeigeht – ein leises, schrilles Piepen, kaum zu orten. Wer aber stillhält, geduldig wie ein Stein, sieht vielleicht den Schatten eines Vogels im Anflug oder den federleichten Flügelschlag über dem Dach. Manchmal fliegt ein Elternvogel so dicht vorbei, dass man den Windstoß spürt.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_09.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_09"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_12.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_12"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">Flügge</h2>
<p>Am sechzehnten Tag sitzen die ersten Jungen auf dem Nestrand. Ihre Bewegungen sind tapsig, ungeschickt – kleine Gleichgewichtsakte zwischen Wagemut und Zögern. Einer spreizt die Flügel, kippt fast zur Seite, rappelt sich auf, zögert. Dann springt er – flatternd, taumelnd – rüber auf den Holztisch. Keine zwei Meter entfernt. Aber er hat es geschafft. Seine kleinen Krallen kratzen übers Holz, sein Brustkorb hebt sich schnell. Am nächsten Tag folgen die Geschwister. Sie erkunden die Sommerstube, die Bühne ihres ersten wirklichen Daseins. Zwischen Korbstuhl und Fensterrahmen, über Angelköder und Spinnweben, flatternd suchend. Sie jagen Fliegen, stolpern über ihre eigenen Füße und lernen den Wind zu lesen. Einmal fällt einer fast aus dem Nest, bleibt aber an der alten Wurzel hängen und flattert sich wieder hoch. Manchmal kauern sie zu dritt auf dem Fensterbrett, eng gedrängt, als würden sie sich gegenseitig Mut zuflüstern. Die Eltern bleiben in der Nähe wachsam wie Schatten. Sie zeigen, wo es Futter gibt, warnen vor dem Adler, der am Waldrand kreist, oder dem Eichhörnchen, das neugierig über das Dach turnt. Sie locken die Jungen in sicherere Ecken, wenn Gefahr naht. Der Vater schlägt Alarm mit kurzem, scharfem Ruf – der ganze Wald hält kurz den Atem an.</p>
<p>Nun ist das Nest leer. Kein Piepen mehr, kein Flattern. Die Sommerstube ist wieder verlassen. Das Licht fällt weich auf das alte Holz, die Gegenstände im Inneren ruhen in Staub und Stille. Nur das Nest bleibt – verlassen, aber unversehrt. In einer Ecke des Fensterrahmens klebt noch ein Rest aufgebrochene Eischale. Zwei, drei helle Federn tanzen im Luftzug, steigen, fallen, drehen sich in Spiralen – wie ein letzter Gruß an den Ort, an dem das Leben begonnen hat. Der Wald weiß: Sie kommen wieder. Vielleicht schon im nächsten Jahr, kehrt eines dieser Jungen zurück – und wählt dieselbe Wurzel am Fenstersims erneut aus – für den wiederkehrenden Kreislauf des Lebens.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/49-vier-schnaebel-ein-mittsommer/vier_schnaebel_ein_mittsommer_13.jpg" alt="vier_schnaebel_ein_mittsommer_13"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">Epilog</h2>
<p><em>Dieses Naturschauspiel durfte ich während eines einmonatigen Aufenthalts in einer abgelegenen Waldhütte irgendwo in Norwegen beobachten. Nie zuvor konnte ich den Prozess des Lebens so nah und intensiv erleben wie an diesem Ort. Mir wurde wieder einmal bewusst, was das Wort Leben wirklich bedeutet. Es bedeutet nicht, im eigenen Lärm unterzugehen, von Aufgabe zu Aufgabe zu hetzen, zu glauben, alles gleichzeitig tun zu müssen, immer erreichbar und immer wichtig zu sein.  Die kleinen Vögel machen es anders. Sie vertrauen dem Rhythmus der Natur und zeigen, dass die wahre Bedeutung des Lebens manchmal genau dort liegt, wo wir still sind. Vielleicht nehmen wir uns selbst einfach zu wichtig. Vielleicht braucht es nicht mehr Taten, sondern mehr Hingabe. Weniger Schnelligkeit – und mehr Nähe zur Natur. Wenn wir auf die Zukunft der Menschheit blicken, scheint genau hier ein Wendepunkt zu liegen. Wir planen, rechnen, entwickeln – oft mit dem Anspruch, die Umwelt zu kontrollieren, sie zu formen, sie unserem Willen zu unterwerfen. Doch vielleicht liegt die wahre Aufgabe nicht im Beherrschen, sondern im Verstehen. Nicht im Formen, sondern im Erhalten. Der Grauschnäpper versucht nicht, seinen Lebensraum zu verändern. Er passt sich ein, mit erstaunlicher Leichtigkeit, mit Respekt und Maß. Diese Vögel bauen keine Städte, sie zerstören keine Wälder, sie hinterlassen keine Spuren – und doch leben sie ganz und gar. Vielleicht wäre genau das ein Weg für uns: weniger Einfluss, mehr Einklang. Statt weiter in Lichtgeschwindigkeit auf eine Welt zuzulaufen, die wir nicht mehr erkennen, könnten wir wieder lernen zu lauschen, zu beobachten, zu atmen. Die Natur braucht uns nicht – aber wir brauchen sie. Und wer je neben einem Vogel gesessen hat, der still auf seinen Eiern brütet, versteht vielleicht, dass das Leben keine Eile kennt – nur Tiefe. Und dass Zukunft dort beginnt, wo wir wieder Teil des Ganzen werden.</em></p>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>NATURBUMMLER</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/naturbummler</link>
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      <pubDate>Sat, 28 Dec 2024 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>Es ist die Stille, die uns ruft. Es ist das satte Grün und der intensive Duft der wilden Landschaft, der uns mit großer Faszination staunen lässt. Wir halten unsere Hand und blicken gemeinsam auf ein intaktes Ökosystem aus wilden Flüssen, Seen, Wäldern und Bergen, welches sich über viele Quadratkilometer am Horizont erstreckt. Hübsche Häuser, bewohnt von Vorzeigebürgern sind Fehlanzeige. Hier wohnt nur der Biber, Elch und Luchs. Zu Fuß bewegen wir uns vorsichtig durch abgelegene Täler und über sanfte Hügel. Es ist unsere gemeinsame Zeit und wir streunen synchron mitten durch unwegsames Gelände. Wir, das sind die Naturbummler, Abenteurer Nummer 1 und Abenteurer Nummer 2. Nummer 1 ist der unangefochtene Boss. Nummer 2, das bin ich stolzer Vater und die schützende Hand von Nummer 1. Zusammen residieren wir gerade im hundert Milliarden Sterne Hotel auf einem abgelegenen Gipfel in unserem Zelt. Es bläst eine gemäßigte Brise und ich koche das Abendessen, während Abenteurer Nummer 1 die Baumkronen der wenigen Bäume, die auf dem Gipfel stehen, erklimmt. Er möchte hoch hinaus, bis er einen noch besseren Blick über die atemberaubende Landschaft erhaschen kann. Ungesichert besteigt er Bäume, die weit über zwanzig Meter in die Höhe schießen. Zur gleichen Zeit bediene ich seelenruhig, aber mit wachsamen Auge Richtung Baumkrone den Gaskocher. Ich vertraue Nummer 1 und lasse ihn frei seine Umgebung erkunden. Wenn ich meinen Sohn beobachte, wie er auf Bäume klettert, muss ich demütig über die Kinder in der Welt nachdenken, die in Megastädten aufwachsen, in denen von der ursprünglichen Natur nicht viel übrig geblieben ist. Ihre Köpfe sind vergiftet von Abgasen und vielerorts wachsen Kinder in Armut ohne Perspektive und Ziele auf. Unfertig wie kein anderes Geschöpf wird der Mensch auf unserem Planeten geboren und entwickelt in großen Städten, fern der wilden Natur, in einer reiz-überfluteten Welt seine Persönlichkeit. Das Resultat sind permanente Unruhe, Rastlosigkeit und Konzentrationsprobleme. Sie entfremden sich ihres eigenen Ursprungs und gehen dann mit Fahrradhelmen in den Wald. Für junge Menschen, nein, für alle Menschen, egal ob jung oder alt ist die Natur genauso überlebenswichtig und essenziell wie Liebe, Licht und Wasser.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_9.jpg" alt="Naturbummler_9"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_3.jpg" alt="Naturbummler_3"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_4.jpg" alt="Naturbummler_4"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_5.jpg" alt="Naturbummler_5"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">WALDSCHULE</h2>
<p>Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang streifen wir durch die Wälder Norwegens. Der frisch riechende Duft des Mooses ist uns allseits auf dem Fersen. Fahle Lichtstrahlen treffen auf den weichen Waldboden und im Wind funkeln die grünen Blätter. Auf einer kleinen Lichtung lernt Nummer 1 den Umgang mit der Axt, dem Messer und der Säge. Seine Fähigkeiten stellt er beim Bau eines permanenten Unterschlupfs unter Beweis. Er zeigt großes Geschickt und bedient das Werkzeug souverän wie ein alter Zimmermann mit viel Ruhe und mit beachtlicher Feinmotorik. Querschläger sind die große Ausnahme. Er spaltet das Totholz, sägt dünne Baumstämme auf Maß und überprüft die Konstruktion auf Schwachstellen. Schließlich soll der Bau den strengen Winter Norwegens überstehen. Unser Walddomizil bietet Platz für zwei Personen. Küche, Bad inklusive. Das angelehnte Moosdach schützt das Holzbett vor den Elementen. Die  gemütliche Feuerstelle, die im Vorgarten lodert, dient als Hitzepilz und Kochstelle zugleich. Hinter den Grenzen des Vorgartens ist der Abort für dringen Geschäfte. Das Lager, das wir ausschließlich aus Waldmaterialien erschaffen haben, ist unser Ort der Erholung. Hier können wir sein wie wir sind. Für Nummer 1 hat der Wald schon immer eine besondere Kraft. Wenn er die Geheimnisse des Waldes erforscht, dann strahlen seine klaren und großen Augen, in denen sich die Bäume spiegeln. Vor dem Einschlafen lauschen wir bei abnehmenden Halbmond und leichtem Nebel den Geräuschen des Waldes. Das Wild, das sich um uns herum tummelt, ist oft unsichtbar. Erst die Aufzeichnungen meiner Wildkamera entschleiern die mystischen Tiergeräusche und zeigen die kräftigen Exemplare in voller Größe. Wir lernen die Fußspuren und das Verhalten der Tiere und dessen Artenvielfalt kennen. Ich wusste nicht, dass zur Familie der Marder rund siebzig Arten zählen. Nerz und Dachs entfachen unsere Begeisterung den Tieren aufzulauern und sie zu beobachten. Hier draußen, das ist auch Schule, nur ganz ohne Zwang und mit Mutter Erde als Lehrer. Plötzlich wird es ganz still, das Feuer ist aus und die Magie des Waldes zieht uns in das Vakuum der absoluten Ruhe.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_1.jpg" alt="Naturbummler_1"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_2.jpg" alt="Naturbummler_2"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_17.jpg" alt="Naturbummler_17"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_18.jpg" alt="Naturbummler_18"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_21.jpg" alt="Naturbummler_21"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">KREATUREN DER EISZEIT</h2>
<p>Große Ereignisse prägen uns. Die Abende am Lagerfeuer, die wir zu zweit tief in der Wildnis erleben, sind voller Wärme, Vertrauen und Geborgenheit. Wir schmieden Pläne, lachen und erzählen uns Geschichten. Wir hören die Stille, so laut das wir das Abenteuer ganz nah spüren können. Es ist ein Gefühl, das tief unter die Haut geht und uns ganz klein und unbedeutend erscheinen lässt. Die Wildnis im Reich der Eiszeitkreaturen fühlt sich nach Zuhause an. Nachdem ich das Dovrefjell schon einmal im Winter besucht habe, bin ich nun mit Abenteurer Nummer 1 im Sommer bis zu meinem persönlichen Lieblingsort vorgedrungen. Wir entdecken die wilde Schönheit des Fjells und wollen die Geschöpfe hautnah erleben. Zahllose Kilometer marschieren wir durch unwegsames Gelände, nur um einen Blick auf die mächtigen Tiere zu erhaschen. Jeder Schritt ist mühsam. Im Verlaufe des Sommer durchlaufen die Blumen und Pflanzen im Fjell das komplette Farbspektrum und verzaubern die Landschaft in eine farbenprächtige Oase. Es ist schwer, die getarnten Tiere in der Weite ausfindig zu machen und es gleicht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Unser Zelt schlagen wir in einer Senke auf, die gut geschützt vor dem Wind am Rande eines kleinen Baches liegt. In der Ferne entdeckt Nummer 1 den ersten Moschusochsen mit seinem Feldstecher. Durch das optische Vergrößerungsglas lässt sich der Unterschied zwischen Tier und Stein nur erahnen. Dennoch sind wir uns sicher, der schwarze Fleck, der sich circa zwei Kilometer entfernt an der Felswand entlang faltet, ist der Grund, warum wir hier sind. Ganz ohne Musik tanzen und hüpfen wir getrieben nur von Freude und Euphorie an diesem einsamen Ort. Wir brüllen in die Ferne. Zum Glück hört uns niemand. Stolz verstauen wir die Entdeckung als Souvenir tief in unsere Herzen. Für einen Moment verharrt der Augenblick, bevor wir uns ins Zelt zurückziehen. Am nächsten Morgen öffne ich den Reißverschluss des Zeltes. Verschlafen prüfe ich die Umgebung und erstarre. Vorsichtig versuche ich mit meinem Ellbogen Nummer 1 aus dem Land der Träume zu reißen. Ich frage ihn: „Waren diese zwei Steine gestern auch schon dort?“, er antwortet: „Paapaa, das sind zwei Moschusochsen.“ Wir sind schockverliebt. Was für eine Begegnung. Majestätisch grasen die großen Tiere, die noch vor 30 000 Jahren Seite an Seite in der Eiszeit mit den Mammuts durch Skandinavien wanderten, wenige Meter vor unserem Zelt. Das sind spontane Lodgeplätze in erster Reihe vor einer atemberaubenden wilden Kulisse. Vorsichtig und langsam entfesseln wir uns aus unseren Schlafsäcken und rüsten uns für den Tag. Die Kamera ist scharf und wir robben auf allen vieren durch das Gras. Ich setze an und halte die Kreaturen, die in ihrem natürlichen Habitat leben, für die Ewigkeit auf meiner Speicherkarte fest. Stundenlang beobachten wir die Geschöpfe wortlos. Man kann sich vorstellen, dass ein kleines Kind, das im Zoo viele Tiere zu Gesicht bekommt und von einer Sensation zur nächsten rennt, völlig aufgeregt und losgelöst ist. Aber in diesem Fall steht das Tier nicht hinter einem Zaun und mein kleiner Mann rast nicht ruhelos umher, sondern liegt vielmehr wie versteinert im Gras und beobachtet ehrfürchtig die mächtigen Tiere. Im Zoo sprintet man mit einem Softdrink in der Hand von Käfig zu Käfig. Hier hingegen, wo der Himmel mit dem Horizont verschmilzt, sehen wir die letzten Überlebenden der Eiszeit in der offenen Tundra. Der intelligente Blick meines Sohnes verrät mir, dass er, genau wie ich, vom menschenleeren Wildnis-Modus infiziert ist. Mit Modus meine ich den ruhigen, respektvollen und geerdeten Zustand im Hier und Jetzt zu sein, um dem Leben mit all seiner Schönheit, lebenslustig, leidenschaftlich und hoffnungsvoll zu begegnen. Vergleichbar mit dem Flugzeugmodus am Mobiltelefon, nur ohne Gerät. Das Leben wird hier auf das Wesentliche heruntergebrochen. Es ist eine Wohltat für Kind und Mann. Ich bin dankbar, diese Momente mit Nummer 1 teilen zu können. Bis spät in den Abend verfolgen wir die Moschusochsen. Mein Tacho zeigt mittlerweile siebzehn Kilometer absolvierte Wegstrecke an. Es ist die Zeit gekommen, das heimatliche rote Zelt ausfindig zu machen und endlich das wohlverdiente Abendessen zu kochen.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_14.jpg" alt="Naturbummler_14"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_15.jpg" alt="Naturbummler_15"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_16.jpg" alt="Naturbummler_16"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_19.jpg" alt="Naturbummler_19"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_20.jpg" alt="Naturbummler_20"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">ØRRETFEBER</h2>
<p>Die Ernährung ist ein wichtiges Thema, wenn man wie wir als Naturbummler überwiegend, draußen unterwegs ist. Nahrhaft und energiereich soll sie sein, damit wir der rauen Natur des Nordens standhalten können. Nummer 1 ist ein leidenschaftlicher Angler, denn er fischt regelmäßig große Fische aus Fluss und See. Ihm schmecken die Fische köstlich und sie sind die perfekte Draußen-Nahrung. Wenn Nummer 1 seine Angel auswirft und der Windzug der Rute gefolgt von einem dumpfen „pflob“ des Köders, der die spiegelglatte Wasseroberfläche durchdringt, zu hören ist, dann erlebt er seinen archaischen Trieb der Nahrungsbeschaffung. Nummer 1 fischt, und wenn er das tut, dann mit Präzision, Ausdauer, Geduld und Leidenschaft. Es ist für ihn keine große Herausforderung, mehr als acht Stunden am Ufer zu stehen und geduldig zu warten, bis endlich ein Fisch beißt. Mutter Natur legt ihm den Mantel der Ruhe und Geborgenheit um. Keine Ablenkung, nur das Gewässer und er. Das Rauschen eines Wasserfalls in der Ferne oder die sanften Flügelschläge der Vögel, die über uns kreisen, kombiniert mit all den beruhigenden Hintergrund-Geräuschen, die sein Gehör auf die kleinsten Töne trainieren, wirken meditativ. Er genießt die Kulisse und ich spüre das. Unsere Zielfische sind die Ørrets, die norwegischen Forellen, die wild und unersättlich durch die klaren Gewässer schwimmen. Manchmal erbeuten wir auch einen Saibling oder einen Barsch, doch die Ørret mit ihrem roten Fleisch ist unser Favorit und der ist wohlschmeckender als jeder Lachs aus dem Supermarkt. Wir sind infiziert mit dem Ørretfeber (Forellenfieber), eine Fieberform, die nur in Norwegen existiert und unheilbar ist. Die Ufer der wilden Gewässer sind unsere habitale Zone, in der wir uns auf und ab bewegen. Ich liebe den „Fiiisch“- Ruf von Nummer 1, wenn wir mehrere Meter auseinanderstehen und er mir damit signalisiert, dass er erfolgreich war. Dieses „Fiiisch“ ist so herzallerliebst und erzeugt in meinem Bauch bei jedem Fang immer wieder ein behagliches Gefühl. „Fiiisch“ ich träume jede Nacht davon. Der Erfolgsruf meines Sohnes beruhigt mich und macht mich unendlich glücklich. Das Durchschnittsmaß der Ørrets liegt meistens zwischen dreißig und vierzig Zentimeter. Die perfekte Größe für eine Mahlzeit. Schwungvoll manövrieren wir unsere Routen bis spät in die Dämmerung.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_8.jpg" alt="Naturbummler_8"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_10.jpg" alt="Naturbummler_10"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_12.jpg" alt="Naturbummler_12"></figure>
<p>Zufriedenheit macht sich breit, denn der Tag war ein voller Erfolg. Bis hierher zwei massige Fische, aber ich setze noch einmal zu einem letzten Wurf an. Gezielt werfe ich meinen Drilling stromaufwärts in eine Senke. Es ist Ende August, die letzten weißen Nächte des Jahres bieten uns ausreichend Licht, um die stille Landschaft mit all unseren Sinnen wahrzunehmen. In unserem Paradies kurbele ich meinen Köder nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam zurück in Richtung Ufer. Plötzlich erzittert meine Rute mit einem heftigen Rums. In Sekundenbruchteilen folgt ein Fluchtversuch und lässt das ruhige Gewässer toben. Meine Rolle surrt mit einer rasenden Geschwindigkeit, der Fisch nimmt Leine und möchte fliehen. Er stürzt sich in die Tiefe und ich versuche meine Bremse zu justieren, um ihn besser kontrollieren zu können. Die Rute biegt sich unterdessen bedenklich stark. Ich bin nur mit leichter Ausrüstung unterwegs und befürchte, dass die Rute brechen könnte. Doch ich vertraue meinem Material und freue mich, dass ich endlich an der Reihe bin: „Fiiisch!“ Nummer 1 spurtet zu mir rüber und beobachtet, wie augenblicklich das Geschoss aus dem Wasser springt, sich überschlägt und fluchtartig wieder in der Tiefe verschwindet. Ich kurbele, stoppe, ziehe die Rute mit aller Kraft nach oben, lasse sie wieder ab und kurbele weiter. Im Zickzack schwimmt der Salmonide rasend schnell, nervös und irritiert in alle Winkel des Gewässers. Mein Puls ist aufgedreht, die Rutenspitze zappelt, der Fisch springt, kämpft und rotiert sich durch alle existierende Freiheitsgrade durch. Bis auf drei oder vier Meter ist das Prachtexemplar breites an uns herangekommen und wir erhaschen einen Blick auf die wahre Größe dieses Kolosses. Es ist die erste kapitale Wildforelle meines Lebens, die dort am Haken hängt und mein Sohn ist live dabei. Der Drill ist beeindruckend und ich bin verblüfft, mit welchen kraftvollen Bewegungen die Ørret tapfer kämpft. Ein weiteres Mal gebe ich Leine. Der Fisch ist noch lange nicht müde. Torpedoartig schießt er zurück auf das offene Gewässer. Wieder dieses schnelle, harmonische Surren meiner Rolle. Faszinierend beobachte ich die Fahrt meiner Beute. Die Spannung steigt. Lautlos schweift mein Blick rüber zu Nummer 1. Wir werfen uns ein glückseliges Grinsen zu. Ich erkenne seinen hellwachen Gesichtsausdruck und bete, dass wir diesen Fisch landen. Hoffnungsvoll haue ich die Bremse rein und das gleiche Spiel beginnt vor vorn. Kurbeln, stoppen, Rute ran, kurbeln. Doch diesmal sind die Bewegung des Fisches nicht mehr so hektisch und kraftvoll wie wenige Minuten zuvor. Immer sanfter gleitet das Geschöpf, das wie ein U-Boot kurz unter der Wasseroberfläche schwimmt, in Richtung Heimathafen. Mit schweren und langsamen Manövern schlägt die Ørret die letzten Purzelbäume, bevor ich den Koloss an Land bugsiere. „Jaaaaaaaaaa“, schreien wir energetisch und liegen uns in den Armen. Nummer 1 ruft aus voller Kehle: „Paaaapaaaa“ und genau wie bei den Moschusochsen tanzen und hüpfen wir vor Freude. Ich zittere und vibriere voller Euphorie und Adrenalin. Das letzte Mal, dass ich solch eine Aufregung verspürt habe, war, als ich in Grönland alleine durch Eisbären-Gebiet gewandert bin. Die Fassungslosigkeit über unseren Fang ist gewaltig. Über eine Stunde dauert es, bis die Aufregung sich langsam legt und wir realisieren, was für ein Geschöpf wir aus dem klaren See katapultiert haben. Fünfundsiebzig Zentimeter Länge bei einem Gewicht von ungefähr sechs Kilogramm. Das sind die mächtigen Eckdaten. Unser Puls hat sich mittlerweile auf Normalbetrieb eingependelt und wir beobachten, wie der Nebel langsam aus dem Wasser steigt. Es ist an der Zeit, sich vom Ørretfeber zu erholen. Diese gewaltige Ørret zusammen mit meinem Sohn zu erleben und zuzusehen, wie er zum Mann heranwächst, ist ein Geschenk des Lebens. Hier draußen verbinden wir uns mit unseren eigenen Wurzeln. Ohne Leistungsdruck dürfen wir hier Kind und Mann sein. Wir erforschen die Welt gemeinsam und von nun an weiß ich: „I will never fiiisch alone again“.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_11.jpg" alt="Naturbummler_11"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_22.jpg" alt="Naturbummler_22"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/48-naturbummler/Naturbummler_13.jpg" alt="Naturbummler_13"></figure>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>ANGESCHOSSEN</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/angeschossen</link>
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      <pubDate>Tue, 22 Nov 2022 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>Die Farbe Rot steht für Liebe, Feuer, Kraft und Leidenschaft. Der rote Außenhüllen-Farbstoff meines Zeltes ist ein auffälliger Fremdling in der wilden Landschaft. Umgeben von Stille und Einsamkeit, wirkt mein mobiles Zuhause wie ein unbekanntes Flugobjekt im Naturreich. Die Eigenschaften der Materialfarbe sind mit meinem Überlebenswillen verbunden. Sie geben mir Antrieb und Hoffnung in einem traurigen Moment. Ich fühle mich angeschossen. Ich atme, doch die Luft ist schwer. Fiktiv beobachte ich unseren Blauen Planeten aus der Vogelperspektive und sehe all die Menschen, die unsere wertvolle Oase zerstören. Ich frage mich, wieso diese Erde skrupellos und ohne Rücksicht ausgebeutet wird. Die Zerstörung von Luft, Wasser, Boden und Wald ist fast überall zu spüren. Betonwüsten, verschmutzte Meere, Atomenergie. Unsere Erde leidet chronisch an der Krankheit Mensch. Wir haben die Möglichkeiten, diesen Planeten zu einem freundlichen, sicheren und nachhaltigen Ort zu machen. Indessen herrscht Krieg, Missbrauch, Manipulation und Ausbeutung. Da fehlt mir buchstäblich der rote Faden.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/47-angeschossen/dsc01851.jpg" alt="dsc01851"><figcaption>Das unbekannte Flugobjekt ist gelandet.</figcaption></figure>
<p>Vor mir entfaltet sich ein langer wilder Fluss. Die Schönheit fesselt mich. Meine Augen werden feucht, während ich intensiv in das Epizentrum der Wildnis blicke. Mobilfunkempfang? Fehlanzeige! Was für ein Luxus. Es ist kalt und vielerorts erkenne ich Schneefelder, aber das Eis beginnt zu tauen. Ich befinde mich auf achthundert Höhenmeter und die Temperaturen sinken nachts auf unter null Grad. Manchmal sitze ich einfach nur da und lausche dem monotonen Fließen des Wassers. Das sanfte Plätschern stimuliert meinen Körper und die Stille holt mich ein. In dieser Gegend ist die Zivilisation weit weg und hier können wir durch Besinnung lernen, unser Leben leichter zu gestalten. Weit entfernt von all den unfassbaren Tragödien dieser Erde, ist die Wildnis das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem wir unser Leben nicht nach den Regeln und den Gedankengängen anderer leben müssen. Hier geht es nicht um schneller, höher, weiter. Es geht um Tiefe.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/47-angeschossen/dsc01822.jpg" alt="dsc01822"></figure> <figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/47-angeschossen/dsc01920.jpg" alt="dsc01920"><figcaption>Der Bieber ist das einzige Lebewesen das den Wald rodet.</figcaption></figure>
<p>Ich gleite mit einem Rucksackboot auf der Strömung des Flusses in das Innerste der Abgeschiedenheit. Dort, wo die Farbe Rot nicht für Kampf, Zerstörung und Wut, sondern für die Hoffnung steht. Ganz dezent platziere ich jede Nacht mein rotes Zelt an den entlegensten Plätzen. Würde ich die Übernachtungsorte auf der Landkarte mit einem Bleistift verbinden, würden die verbundenen Linien ein Herz illustrieren. Das Herz der Wildnis, in dem ich mich gerade befinde, ist der Schöpfer aller Problemlösungen. Jeder Betrüger, Kinderschänder oder Kriegsverbrecher könnte hier zur Besinnung kommen. Frieden und Gerechtigkeit von der Arktis bis nach Feuerland, das ist es, wonach ich mich sehne. Der Wind der Wildnis ist der Wind unter meinen Flügeln und ich paddele flussabwärts.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/47-angeschossen/dsc01911.jpg" alt="dsc01911"></figure>
<p>Ein besseres Morgen? Gar nicht so leicht zu realisieren. Was soll aus den Kindern werden, die eine gesunde und friedliche Welt verdient haben? Jeder Erdbürger hat das Recht, auf einem gewaltfreien und gleichgewichtigen Planeten zu leben. Neben all dem Handel und Wandel vielleicht mal eine Flugschneise für eine bessere Zukunft einbauen? Natürlich passiert das schon, aber leider nur vereinzelt und zu schleppend. Die Ära der Monopoly-Machtspieler muss zu Ende gehen. Der Kuchen ist groß genug. Es ist genug für alle da! Wir Menschen haben den Verstand und die Technologie, unseren Planeten zurück ins Gleichgewicht zu bugsieren. Die Gesundheitskrise der Vergangenheit hat gezeigt, dass Politiker nicht davor scheuen, große Geldbeträge in die Hand zu nehmen und wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen. Beim Klima sehe ich diese Bereitschaft leider nicht. Wissen die denn nicht das auf langer Sicht im Laufe der Jahrzehnte ein noch viel größerer Schaden zu befürchten ist? Wo ist er wieder, der rote Faden?</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/47-angeschossen/dsc01806.jpg" alt="dsc01806"><figcaption>Mobilnetz nicht verf&uuml;gbar! Weit entfernt von der Zivilisation ist solch ein Rucksack das einzige, was ein Mensch braucht.</figcaption></figure>
<p>Das Leben trägt mich wie der Fluss mein Boot. Ich schwebe fort, lehne mich zurück und beobachte die riesigen Bäume, die fest verankert auf dem uralten schroffen Gestein emporragen. Die Wurzeln reichen nicht tief in den Boden hinein. Vielleicht nur wenige Zentimeter. Wieso fallen die Bäume nicht um? Sie strecken ihre Fühler so weit aus, bis sie sich einander greifen und gemeinsam mit aller Kraft wachsen und gedeihen können. Es ist eine Vernetzung von unvorstellbarem Ausmaß. Die Gemeinschaftlichkeit der Bäume muss für uns Menschen ein Vorbild sein. Denn gemeinsam können wir weltweit Druck machen für Frieden, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Ich beobachte die Blätter, wie sie von den Bäumen fallen und mir fällt es schwer, mich zu erholen. Jede Wunde lässt sich mit ein paar Stichen nähen, aber unser Planet taumelt. Das Netzwerk der Menschen ist morsch und welk. Bei den Themen Völkerfreundschaft, Verständigung und der Empathie für unser Lebenselixier sind wir leider weiterhin sprachlos. Tatsächlich setzt sich das Gemeinschaftsgefühl bei uns erst durch, wenn wir die Welt in Flammen sehen.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/47-angeschossen/dsc01889.jpg" alt="dsc01889"><figcaption>Hier geht es nicht um schneller, h&ouml;her, weiter. Es geht um Tiefe.</figcaption></figure>
<p>Die Grausamkeit der Wahrheit ist unüberhörbar. Was für eine Not. Ich bin betrübt und lädiert von den Zuständen auf unserem Globus. Noch dreizehn Kilometer bis zu einer Lichtung, die ich auf der Karte ausgemacht habe. Diese verdammte Grausamkeit, sie schmerzt. Das wird ein harter Weg. Ich fange an zu singen: „I want to break free…“, der Song von Freddy Mercury saust durch meinen Kopf. Ist der Glaube an eine bessere Zukunft nur Utopie? Ich sehe rot, die Farbe der Hoffnung. Die Sonne wärmt. Hier ist nichts als Stille. Ich möchte meine Vorstellung von einer rosigen Zukunft nicht verlieren. In der Wildnis gibt es neue Perspektiven. Hier könnte ich Tage verweilen. Tage um Tage. Das ist pure Magie. Orte wie dieser lassen mich wirklich atmen. Das Affentheater der Menschen ist fern. Ich brauche den hohen Norden, die Taiga und Tundra, wo es fast keine Menschen gibt. Die giftigen Klauen der Menschheit sind die wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen, kulturellen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden. Still und unauffällig schaufeln wir unser eigenes Massengrab. Ich will nicht zurück ins Dinosaurier-Zeitalter, aber ich will die Wucht der negativen Einflussfaktoren schwächen, um uns und unseren Kindern eine intakte und stabile Heimat zu gewähren. Die Überreste der letzten Wildnisse verkörpern unsere Erde, wie sie einmal war. Ich will mehr davon! Können wir es gemeinsam schaffen, die schwer angeschossene Menschheit zu rehabilitieren, um uns und unseren Planeten wieder in ein Gleichgewicht zu manövrieren?</p>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>REISE ZUR M&#196;NNLICHKEIT</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/reise-zur-maennlichkeit</link>
      <guid>blog/reise-zur-maennlichkeit</guid>
      <pubDate>Tue, 13 Apr 2021 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>Am liebsten reise ich zu Fuß durch wilde Landschaften. Ich will die gelassene, aber auch die raue Natur spüren und alles auf mich wirken lassen. Egal zu welcher Jahreszeit, ich entferne mich bewusst und regelmäßig von zu Hause und begebe mich auf kleine oder auch auf große Expeditionen. Die Reisen ins Unbekannte, über Kartenausschnitte hinaus, an Orte, an die bisher nur wenige Menschen vorgedrungen sind, sind Reisen, wie ich sie liebe. Es ist der Ruf der Wildnis oder der meines archaischen Ichs des wilden Mannes, der mich aufstehen lässt und mich auffordert aufzubrechen. <strong>Zu Fuß habe ich Zeit, über das Leben und die Welt nachzudenken.</strong> Ich mache mir Gedanken über das Bild des Mannes in unserer Gesellschaft. Es entwickelt sich in eine völlig falsche Richtung und wir sind auf dem besten Weg, die Maskulinität abzuschaffen. Kleine Jungs werden zu brave Buben herangezogen, aber nicht zu Männern. Männliche Aggression, Wildheit und Stärke werden unterdrückt und bewusst gebändigt. Männer sollen weiche, einfühlsame und offene Wesen sein, dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden, aber was passiert mit den wahren männlichen Wurzeln? Wenige Männer zeigen heutzutage noch Risikobereitschaft und kommen selten in ihre Kraft. Ausbruch aus der Komfortzone? Fehlanzeige!</p>
<p>Schritt für Schritt bewege ich mich durch die Natur, die immer da ist, wenn nichts im Leben sicher scheint. Der Gipfel, den ich vor mir sehe, ist noch ungefähr dreißig Meter entfernt. Ich schreie so laut ich kann, während ein heftiger Sturm kleine Eiskristalle mit Lichtgeschwindigkeit in mein Gesicht bläst. Der Schrei verläuft sich im arktischen Wind und ich stütze mich auf meine flatternden Wanderstöcke. Welch eine unangenehme Situation. Ich halte es nicht mehr aus. Minutenlang stemme ich mich gegen die heftigen Böen, bis ich mich schließlich auf meine Knie fallen lasse und mich flach auf den Boden werfe. Ich kann mich nicht erinnern, einen derart heftigen Sturm jemals erlebt zu haben. Das aufrechte Gehen ist ab hier nicht mehr möglich. Meinen initialen Plan, auf den Gipfel zu marschieren und dort zu nächtigen, habe ich in diesem Augenblick verworfen. Auch werde ich den Gipfel so kurz vorm Ziel wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich robbe auf allen vieren in eine geschützte Senke und zücke meine Kamera, <strong>ich möchte den Moment festhalten,</strong> aber es ist unmöglich, wackelfreie Bilder einzufangen. Es dauert nur wenige Minuten, bis ich gänzlich vom aufgewehten Schnee überdeckt bin. Ich blicke durch meine Schneebrille, welche die Umgebung in einem freundlichen Gelbstich erscheinen lässt und sehe ein überwältigendes Winter-Panorama, das sich aus mächtigen Hügeln, weiten Wäldern und purem Eis zusammensetzt. Der Farbstich in der weißen Landschaft hilft mir, motiviert zu bleiben, um vielleicht doch noch das ein oder andere Bild von dieser wilden Umgebung zu erhaschen. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/46-reise-zur-maennlichkeit/dsc00029.jpg" alt="dsc00029"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">DER GLAUBE AN SICH SELBST</h2>
<p>Solche Augenblicke prägen und berühren. Sie dienen dafür, dass wir die Welt verstehen und begreifen können, und sie sind besser als jedes Ratgeber-Buch oder ein Lehrer es jemals erklären könnte. Sie manifestieren sich unumgänglich im eigenen Dasein und tragen dazu bei, die eigene Maskulinität nicht zu vergessen. <strong>Es geht darum authentisch zu sein, sich herauszufordern, die lebendige Energie der Männlichkeit zu leben und dem Feminismus müde entgegen zu lächeln.</strong> Der Mann ist nicht die bessere Frau. Männer, die Kontakt zu sich selbst haben und das Feuer und die Leidenschaft in sich tragen, um eigene Lebensideen und Visionen zu realisieren, sind zu wahren Raritäten geworden. Wie ein seltener Fund aus dem Museum, einen Wikinger, der gerne mal rebellisch ist, findet man nur noch selten einen Mann der seinen eigenen Weg sucht und Verantwortung übernimmt. Einer, der austeilen und einstecken kann. Bist du einer dieser Goldstücke? Dann bist du ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht und nicht fremdgesteuert ist. Du bist ein Mensch, der sein Herz öffnet, Gefühle zeigen kann und keine Angst davor hat, verletzlich zu sein. Anders als die immer lächelnden und supernetten Ja-Sager sind solche Männer keine Weicheier, sondern einzigartige Charaktere. Wer das weiß und sich von dem Mainstream und den Erwartungen der Gesellschaft entfernt und die Weite sucht, um sich selbst zu erkennen, der ist auf einem guten Weg des Mannseins.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/46-reise-zur-maennlichkeit/dsc00083.jpg" alt="dsc00083"></figure>
<p>Langsam lässt der Wind ein wenig nach und ich positioniere den Sucher, meine Kamera, an mein rechtes Auge. Ich halte die Luft an, um nicht zu verwackeln, doch in dem Moment, als ich abdrücken möchte, ruiniert eine weitere Windböe meine Bildkomposition. Es benötigt viel Geduld, bis ich brauchbares Fotomaterial zusammen habe. Ich frage mich: „Warum mache ich das eigentlich?“ Wieso bin ich hier und nicht irgendwo anderes? Die Antwort ist einfach, <strong>ich tue das, was ich liebe und fotografiere dabei wilde Landschaften.</strong> Ohne Filter fange ich die raue Wirklichkeit dieses wunderbaren Planeten ein. Und während ich durch die Wildnis irre und die Farben und Strukturen der Landschaft auf mich wirken lasse, wird mir plötzlich bewusst, dass die Kernsubstanz eines glücklichen Lebens der Glaube an sich selbst ist. Vor meinen Augen zieht diese Erkenntnis vorbei. <strong>Der Glaube ist dabei nicht der religiöse Glaube, sondern vielmehr das Wissen darüber, was zu tun ist, wenn man tief fällt.</strong> Wie man sich aufrafft, eigene Verantwortung übernimmt und buchstäblich Berge versetzen kann, um das Ziel, dass man sich gesetzt hat, auch tatsächlich zu erreichen. Ob beruflich, in einer Beziehung, bei einer Krankheit oder auf dem Weg zum Mannsein, der Glaube an sich selbst ist die Hoffnung, die sprichwörtlich zuletzt stirbt. <a href="https://www.david-franz.de/blog/alleine-sein-als-privileg">Wenn man weiß, dass man sich selbst hat, dann ist das vollkommen genug.</a> Aus diesem Grund ist es essenziell, sich loszureißen, ganz nach dem Motto meiner Lebensphilosophie, um seinen Geist anzuregen und ein gutes Gefühl für sich selbst zu bekommen.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/46-reise-zur-maennlichkeit/dsc00171.jpg" alt="dsc00171"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">ZURÜCK ZUR KRAFT</h2>
<p>Hurra, und da kommt das Licht, auf das ich gewartet habe. Die magischen Farben des Nordens, die nur jenseits des 60. Breitengrads existieren, entfalten sich am Horizont und umhüllen die wilde Winterlandschaft. Die Szenerie ist magisch und ich komme aus dem Staunen nicht mehr hinaus. Schon oft habe ich die Wildnis fotografiert, doch bin ich immer wieder aufs Neue fasziniert. Davon bekomme ich nie genug. Es ist die Kraft der Kälte, die mich fesselt und mir zu einem unbeschreiblichen Freiheitsgefühl in diesem doch eher ungemütlichen Moment verhilft. Ist das Männlichkeit? Ist das der Glauben an sich selbst? Vielleicht. <strong>Doch Fakt ist das Männer ihrem Urinstinkt, welcher von Antrieb und Wildheit geprägt ist nachgehen sollten.</strong> Sonst verkümmern sie, werden labil, kraftlos und nicht selten endet dieser Zustand in einer Depression. Also runter von der Couch, raus aus der Passivität und mal etwas wagen! Es ist vollkommen okay, der Frau nicht immer den Hof zu machen, kein Ja-Sager zu sein und auch mal positiv aggressiv und egoistisch zu sein, um seinen eigenen Weg zu finden. So kommt der Mann wieder in seine Kraft. Der Glaube an sich selbst ist dabei ein ausschlaggebender Punkt. Niemals selbst aufgeben, Feuer aus allen Rohren, die Energie spüren und Lebendigkeit genießen. Kapitulieren solltest du als Mann nie. Dieses Credo muss in deiner DNA verankert sein. <strong>Immer an sich und den eigenen Erfolg zu glauben, sollte quasi zur Standardausrüstung eines jeden Menschen gehören.</strong> Ganz unabhängig ob Mann oder Frau. Und so überrascht es wohl kaum, dass ich jeden und ganz besonders die Männer inspirieren möchte in aussichtslosen und festgefahrenen Lebenssituationen den Blick nach vorne zu bewahren. Denn mit einer positiven Einstellung und der eigenen Kraft kann aus einem kleinen Fünkchen Hoffnung selbst das größte Licht entstehen. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/46-reise-zur-maennlichkeit/dsc00063.jpg" alt="dsc00063"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/46-reise-zur-maennlichkeit/dsc00070.jpg" alt="dsc00070"></figure>
<p>Es ist mittlerweile unausstehlich am Berghang. Ich krieche hinter einen schützenden Felsen, um meine Kamera in der Daunenjacke zu verstauen. Ich bereite mich für den Abstieg vor. Mit gesenktem Kopf erhebe ich mich aus meiner Schutzhaltung und manövriere vorsichtig den Berg hinunter. Ich versuche aufrecht zu laufen, während der Wind mich wie ein wildes Huhn durch die eisige Welt peitscht. Er kommt aus allen Richtungen und nach jeder Böe muss ich mich neu orientieren. Erst werde ich fünf Meter nach links, dann drei Meter zurück und schließlich ruckartig nach rechts katapultiert. Wie ein Besoffener, der aus einer Kneipe torkelt, taumele ich durch die gefrorene Wildnis. Mein Gesicht ist steifgefroren. <strong>Die gefühlte Temperatur? Zu kalt!</strong> Ich suche Schutz in der Baum-Zone, in der ich mein Zelt nur mit großer Mühe aufschlagen kann. Im Schutz der Bäume dauert es dennoch fast zwei Stunden, bevor ich in meinen Unterschlupf steige, um mir eine wohlverdiente Mahlzeit zu kochen. Dieser Wind ist beeindruckend herausfordernd.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/46-reise-zur-maennlichkeit/dsc09117.jpg" alt="dsc09117"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/46-reise-zur-maennlichkeit/dsc00051.jpg" alt="dsc00051"></figure>
<p>Ich lasse den Tag Revue passieren, während ich die köstliche norwegische „Freia Melkesjokolade“ genieße. Das Zelt flattert im Wind, aber im Inneren bin ich sicher. Dieser Planet ist so lebendig und wenn man nur will, dann kann man diese Energie auch selbst spüren lernen, um wieder in die eigene Kraft zu gelangen. <strong>Für einen Mann sind solche Ausflüge lebenswichtig.</strong> Mein Erlebnis soll nur als Inspiration dienen, denn jeder sollte selbst verstehen, was einem guttut und jeder sollte sich bewusst die Zeit nehmen, um auf diese Ausflüge als Mann nicht zu verzichten. Vielleicht geht es dir darum, deine fotografischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, zu Angeln, die Natur zu erkunden, Sport zu treiben oder mal ein Museum zu besuchen oder sogar ein Buch zu schreiben? Egal was es ist, reiß dich los! Wichtig dabei ist, nicht abzuwarten, nicht zu verharren, nicht zu schweigen und sich nicht vollquatschen zu lassen, was sonst noch zu tun ist. Sondern machen! Solch ein Ausflug funktioniert solo, aber auch mit männlicher Begleitung. Bist du Vater oder Sohn? Dann nimm deinen männlichen Blutsverwandten ersten Grades mit auf <strong>ein echtes, intensives und prägendes Vater-Sohn Abenteuer.</strong> Umgeben von schöner Natur oder fremden Kulturen ist das eine Reise zweier Generationen, deren Wurzel die Männlichkeit ist, die durch eine positive archaische Energie getragen wird. Gemeinsam loslassen, nah am Herzen sein und in der männlichen Kraft leben. Das sind die Zutaten für ein authentisches Leben, an denen keine Stolpersteine oder Ausreden kleben bleiben. Es ist die Reise zurück zum Anfang, zum Ursprung der eigenen Männlichkeit, da wo ein klares „Ja“ oder „Nein“ die Richtung definiert und es auch mal rau zu geht.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/46-reise-zur-maennlichkeit/dsc00072.jpg" alt="dsc00072"></figure>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>IM REICH DER GEFRORENEN WILDNIS</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/im-reich-der-gefrorenen-wildnis</link>
      <guid>blog/im-reich-der-gefrorenen-wildnis</guid>
      <pubDate>Tue, 02 Mar 2021 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>Zwischen verschneiten Hügeln und verborgenen Seen gleich hinter dem nächsten Wintermärchenwald, liegt das Reich der gefrorenen Wildnis. Es ist die eisige Heimat einer verlassenen und geheimnisvollen Welt. <strong>Extreme Kälte entriss dieser Landschaft das Leben</strong>. Leblos, aber nicht langweilig, denn dieser Ort steckt voller Faszination. Da sind die Bäume, die im tief stehenden Licht der Wintersonne leuchten oder die Felsen, die mit einer dicken Eisschicht überzogen sind. Ich staune und fühle im Schutz der langen Schatten den außergewöhnlichen Zauber dieser kalten Jahreszeit. Mein Weg führt in das Herz der eisigen Schönheit, auf einen abgelegenen, zugefrorenen See. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09699.jpg" alt="dsc09699"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09704.jpg" alt="dsc09704"></figure>
<p>Ich bin dick eingemummelt wie ein Inuit und setze langsam einen Fuß vor den anderen. Das sanfte Knirschen meiner Schritte im Schnee und mein ausgeglichener Atem sind die einzigen Geräusche, die ich vernehme. Ich bin umhüllt von einer <strong>besinnlichen Ruhe, die an ein Vakuum erinnert</strong>, in dem sich Schallwellen nicht ausbreiten können. Doch plötzlich verliere ich das Gleichgewicht, ich zucke zusammen, höre ein lautes donnern und spüre eine ruckartige Bewegung unter meinen Füßen. Das Eis lebt! Mit weichen Knien prüfe ich meine Umgebung. Der tiefgekühlte See ist gleichmäßig eben wie ein Spiegel. Nur eine sanfte Schneeschicht bedeckt das ungefähr vierzig Zentimeter dicke Eis. Eine gerade Fläche, die man mit solch einer Genauigkeit nicht einmal auf dem Reißbrett replizieren kann. Nur manchmal erkenne ich kleine Anhäufungen von Schnee und lange Risse im Eis. Die angsteinflößenden Geräusche des Sees lassen meinen ausgeglichenen Atem stocken. Das ächzen, das grummeln und das peitschen des Eises stört die Stille. Der Spuk dauert nur wenige Sekunden, danach ist alles vorüber, bis die <strong>arktische Kälte</strong> das Eis wieder zusammenzieht und in der Tiefe Bewegungen entstehen, die diesen geheimnisvollen Geräuschen wieder und wieder Impulse geben. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09585.jpg" alt="dsc09585"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09592.jpg" alt="dsc09592"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09582.jpg" alt="dsc09582"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">WINTER, SONNE, STRAND</h2>
<p>In Norwegen gibt es sie noch, die vier Jahreszeiten und der Winter ist <strong>ein echter Winter</strong>. Seit Monaten herrschen minus Temperaturen und heute, am bisher kältesten Tag des Jahres, scheint die Sonne. Klare Luft, blauer Himmel, kaltes Gesicht. Das fühlt sich gut an. Ich bin froh hier zu sein und laufe vorsichtig weiter über die harmonisch bedeckte Schneedecke des Sees. Ich erkenne Spuren von Elchen und Schneehasen. Ich selbst hinterlasse die ersten Menschenspuren, welche anders als die Abdrücke der Wildtiere das gleichmäßige Bild der weißen Pracht verunstalten. Mir fällt es schwer, den Schnee zu betreten, denn irgendwie möchte ich diese reine Oberfläche nicht zerstören. Wenn ich hin und her laufe, um Fotos zu knipsen, dann versuche ich immer wieder in vorhandene Spuren zu treten. Vielleicht ist das albern, aber <strong>ich fühle mit dem ästhetischen Anblick dieser Landschaft und respektiere die Unberührtheit</strong>. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09716.jpg" alt="dsc09716"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09537.jpg" alt="dsc09537"><figcaption>Die Spur von einem Schneehasen.</figcaption></figure>
<p>Ich schaue mich um und überlege, wo ich mein Zelt positioniere. Ich möchte so lange wie möglich das Sonnenlicht genießen, um das Tageslicht und das Quäntchen Wärme optimal auszunutzen. Selten gibt es so viele gute Aussichten auf eine ebene Schlafposition wie am heutigen Tag. Tausende Quadratmeter stehen mir zur Verfügung und die Entscheidung, wo und in welchem Winkel ich mein Zelt aufstelle, fällt mir sichtlich schwer. Ich vergleiche Sonnenstand mit Uhrzeit und entscheide mich schließlich für eine Position in Ufernähe mit südwestlichen Blick. Das klingt so, als würde ich mir den perfekten Handtuchplatz am Sandstrand in der Karibik suchen. Aber ich bin mir sicher, hier wird mir heute definitiv keiner den Platz streitig machen. Ich setze meinen Rucksack ab und baue das Zelt auf. <strong>Diesmal habe ich dafür Schrauben und Schraubendreher dabei, die als Hering Ersatz dienen</strong>. Zuerst bohre ich mit dem Taschenmesser ein kleines Loch ins Eis, um das Gewinde besser ansetzten zu können. Danach versuche ich ohne Handschuhe und mithilfe des Schraubendrehers die Schraube einzudrehen. Wenn der Winkel nicht stimmt, platzt das Eis ab und das Gewinde findet keinen Halt. Schon jetzt, <strong>um drei Uhr nachmittags, ist es minus achtzehn Grad</strong> und mir friert das Stahl am Finger fest. Mehrmals muss ich ansetzten, um den perfekten Winkel zu finden, bis die Schraube schließlich sitzt. Nach einer Weile und nahezu tauben Fingerspitzen habe ich alle sechs Anker versenkt. Bevor ich das Zelt final abspanne, warte ich noch einige Minuten, bis das Eis die Schrauben einfriert. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09673.jpg" alt="dsc09673"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09688.jpg" alt="dsc09688"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09629-pano.jpg" alt="dsc09629-pano"></figure>
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<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09714.jpg" alt="dsc09714"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">DER REIZ DER HERAUSFORDERUNG</h2>
<p>Der See rumort, während ich im Zelt sitze und den Sonnenuntergang genieße. Sobald die letzten Strahlen am Horizont verschwunden sind, wird es kälter. Ich schüttele mich, denn die Temperatur sinkt unter meinen persönlichen Wohlfühl-Schwellwert von minus zwanzig Grad. Ich friere nicht, es sind vielmehr die Nebenwirkungen, die diese Kälte mit sich bringt. Alles ist gefroren. Das Gehäuse meiner Kamera ist mit einer dicken Eisschicht überzogen. Der Akku hält keine fünf Minuten mehr und sogar meine Zunge friert am Löffel fest. Es wird unangenehm, aber ist das nicht der Grund, warum man raus geht? Ich weiß genau, dass ich mich hier draußen <strong>außerhalb meiner Komfortzone</strong> bewege. Und das der Gedanke an das Szenario, alleine und einsam bei arktischen Temperaturen auf einem gefrorenen See zu sitzen, beängstigend sein kann. Doch wenn man es schließlich wagt, wird das Selbstvertrauen enorm trainiert und gesteigert. Solch Erfahrungen werden zum Teil des Lebens und des eigenen Charakters. Sie helfen, zukünftige, unangenehme oder herausfordernde Situationen besser zu meistern, weil man stark ist. Wer aber die Komfortzone nie verlässt und sich im Rahmen seiner Grenzen bewegt, wird sich nicht fordern und fördern. Hingegen können die Momente, die mit Stress und Anstrengung verbunden sind, <strong>ein Kickstart in Richtung selbstbestimmtes Leben</strong> sein. Die vertraute Welt ist dann ein Ort, den man bestenfalls noch zur Erholung und zum Ausruhen aufsucht. Wer dort aber verweilt, der muss sich fügen und begreifen, dass Freiheit nur ein Wort zum Träumen ist. Als Teil der großen Menge, die Tag für Tag das Gleiche tut, wird man sich nicht weiterentwickeln. Immer auf Komfort abzuzielen und den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen ist schlecht, richtig schlecht. Greift man aber hohe Zielsetzungen an und dreht seinen Verstand auf, dann ist alles möglich. Niemand erreicht etwas ohne Anstrengung. Ich selbst fühle mich immer dann glücklich, lebendig und erfüllt, wenn ich herausfordernde Situationen auf Expeditionen gemeistert habe. <strong>Unterwegs fange ich an, Dinge zu vermissen, die ich niemals vermissen würde, wäre ich zu Hause geblieben</strong>. Das nach Hause kommen wird damit zu einer puren Freude und ich kann die Annehmlichkeiten der vertrauten Welt bewusster genießen. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09722.jpg" alt="dsc09722"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">NATÜRLICHER MEDIKAMENTEN-COCKTAIL</h2>
<p>Bohnen, Feta, Mais, Zwiebeln und Kartoffeln. Das sind die Zutaten, mit denen ich das Abendmahl einläute. Über dem Feuer schwingt die Gusseisenpfanne und es riecht nach Abenteuer. Der Rauch der Flammen legt sich über den See und im Süden leuchtet sichelförmig der Mond am Horizont. Die trockene, klare Luft verspricht eine knackig kalte Nacht. Das dumpfe Ploppen des Sees irritiert mich nicht mehr, denn jetzt fühle ich mich geborgen und bin nach einer kurzen Eingewöhnungsphase voll im Element. Unter freiem Himmel diese einfache, aber unvergessliche Mahlzeit zuzubereiten ist ein Genuss. <strong>Ich nehme den Geruch intensiver als zu Hause war und das beruhigende Knistern des Feuers schallt angenehm durch das Reich der gefrorenen Wildnis</strong>. Es ist eine meditative Stimmung und als das Essen endlich fertig ist, verneigen sich meine Geschmacksrezeptoren.</p>
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<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09741.jpg" alt="dsc09741"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09748.jpg" alt="dsc09748"></figure>
<p>Ich werde müde und blicke hinauf in den Sternenhimmel. Die Dunkelheit zieht durchs Land und schon lange habe ich nicht mehr so viele Sterne ohne Lichtverschmutzung zählen können. Ich erkenne mindestens zehn mir bekannte Sternenbilder. Die Punkte im Kosmos erscheinen so klar und scharf, dass ich sie am liebsten greifen möchte. Ich nehme meine zwei Isomatten und den Winterschlafsack aus dem Zelt und entscheide mich <strong>auf dem Eis, ohne Dach, aber mit direktem Blick auf das Universum zu nächtigen</strong>. Es ist windstill und kein Schauer in Sicht, deswegen wage ich es, das Cowboy Camping. Das unheimliche Knacken des Sees ist nun vorerst vorüber, jedenfalls habe ich es seit ungefähr einer Stunde nicht mehr gehört. Stattdessen vernehme ich jetzt, tief eingetütet im Daunensack bei einundzwanzig Grad unter null, in der Ferne einen Waldkauz durch die dunkle, leise Nacht rufen. Es ist ein mystisches „Huu“, welches dicht gefolgt von einem „Huu-hu-huhuhuhuu“ durch die Wildnis schalt. <strong>Geheimnisvolle Eiszeit-Atmosphäre</strong>. Die Eule gibt dem Szenario noch die extra Prise Spannung mit. Ich bin überwältigt von der Kulisse der schwarzen Nacht und genieße den erholsamen natürlichen Medikamenten-Cocktail in Form von Ruhe und frischer Luft. Pudelwohl fühle ich mich im Schlafsack, der mich trotz eisiger Temperaturen extrem warm hält. Das dominante „Huu-hu“ verfliegt mehr und mehr im Hintergrund, bis alles schließlich verstummt und ich die Leere des Vakuums spüren kann. Meine Lider werden allmählich schwerer, ich ziehe den Schlafsack bis zum Anschlag zu, als ich eine lange Sternenschnuppe erkenne. Danach schließe ich die Augen – mögen noch viele dieser abenteuerlichen Momente auf mich warten.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/45-im-reich-der-gefrorenen-wildnis/dsc09755.jpg" alt="dsc09755"></figure>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>WHITEOUT IN KLEIN-GR&#214;NLAND</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/whiteout-in-klein-groenland</link>
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      <pubDate>Mon, 15 Feb 2021 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>Wenn der Himmel mit der Erde verschmilzt und Formen und Schatten verschwinden, dann kommt die Zeit der vollständigen Leere. Ich blicke in alle Richtungen, aber wohin ich auch sehe, ich sehe nicht das Geringste. Alle paar Meter überprüfe ich meinen Kurs und vergleiche GPS-Gerät mit Karte und Kompass. Das Vorankommen ist schwierig und anstrengend. Ohne Bezugspunkt manövriere ich im Blindflug durch die eisige Landschaft und bewege mich im Kreis. Leider zeigt das GPS-Gerät aufgrund seiner Ungenauigkeit nicht meine exakte Position in dieser leeren und kontrastarmen Welt an. Unter normalen Bedingungen kann die Abweichung des Geräts vernachlässigt werden, aber im großen Nichts ist das ein Problem. <strong>Das Nichts ist ein Phänomen welches in polaren Gebieten keine Seltenheit ist</strong>. Das Sonnenlicht, welches durch eine dichte Wolkendecke bricht, wird vom Schnee reflektiert und zurück an die Wolkenunterseite geworfen, wo es abermals abprallt und in Richtung Schnee retour geschickt wird. Diese Aufsummierung der Lichtstrahlen resultiert in eine extrem helle Umgebung und das Auge wird geblendet – ein sogenanntes <strong>Whiteout</strong>, eine weiße Welt entsteht. Ohne Sonnenbrille kann das Auge durchaus Langzeitschäden davontragen. Ob es bergauf oder bergab geht, das kann nur erahnt werden, denn das Gehirn ist nicht mehr in der Lage, Entfernung abzuschätzen und kann weder Senkungen noch Erhebungen unterscheiden. Reine Orientierungslosigkeit ist das Ergebnis und der Gleichgewichtssinn wird außer Kraft gesetzt. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/44-whiteout-in-klein-groenland/dsc08735.jpg" alt="dsc08735"><figcaption>Orientierungslos.</figcaption></figure>
<p>Ich bin auf Fjellski, das sind breite Backcountry-Ski für unwegsames Gelände, in der größten Hochebene Europas, der <strong>Hardangervidda</strong> unterwegs und sorge mich um meine nicht vorhandene Orientierung. Die Hardangervidda ist ein Plateau, welches sich mit einer Fläche von über 8000 qm² oberhalb der Baumgrenze zwischen 1200 und 1400 Meter im südlichen Zentralnorwegen erstreckt. Im Sommer ist dieser Ort ein Paradies der Farben, im Winter hingegen eine raue, eisige weiße Welt. Temperaturen bis zu -40 °C, meterhoher Schnee und extreme Winde verwandeln diese Region auf dem 60. Breitengrad in <strong>eine endlos arktische Landschaft</strong>. Viele Polfahrer trainieren für anstehende Arktis- und Antarktisexpeditionen unter den Bedingungen der Hardangervidda. Teilweise sind die Trainingsbedingungen auf dem norwegischen Plateau härter als die der eigentlichen Expedition, weshalb dieser Ort auch gerne als „<strong>Klein-Grönland</strong>“ bezeichnet wird. Er erinnert mit seiner flachen Ebene, den sanften Hügeln und den harten Winterbedingungen an den riesigen Inlandeispanzer der größten Insel der Welt. Die Hardangervidda ist der Rest einer Gebirgslandschaft, die durch Gletscher abgetragen wurde. Das „Vidda“ in Hardangervidda bedeutet im norwegischen Weite und definiert damit die unendliche Dimension des größten und kältesten Gefrierschranks Europas. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/44-whiteout-in-klein-groenland/dsc08748.jpg" alt="dsc08748"><figcaption>Whiteout in der Hardangervidda.</figcaption></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">OASE</h2>
<p>Ich mache eine Pause und schenke den heißen Tee aus meiner Thermoskanne in einen Becher. Um mich herum dominiert noch immer die Farblosigkeit – das Whiteout. Der Tee heizt mich ordentlich ein, während <strong>eine kühle arktische Brise</strong> meine exponierten Körperteile an das Limit des aushaltbaren reizt. Ich stelle mir vor, wie die Umgebung wohl ohne Whiteout aussehen würde. Mein Wahrnehmungssensor in Form der Augen hat in diesem Augenblick wenig zu tun, also male ich mir eine fiktive dunkle Linie irgendwo dorthin wo ich den Horizont vermute. Jetzt wo ich weiß, wo oben und unten ist, hat der Raum wieder einen Anker und ich stelle mir die sanften schneebedeckten Hügel bei herrlichen wolkenlosen Sonnenschein vor. Dieser Ort ist wahrhaftig nicht jedermanns erste Wahl für eine ausgedehnte und verträumte Teepause, aber ich muss gestehen, dass diese raue Whiteout-Landschaft meine Begeisterung für die polaren Regionen dieser Erde noch mehr fesselt. Ich spüre buchstäblich die kalte Landschaft und blicke ins Nichts. Irgendwie ist es ein Gefühl von Freiheit. Für den einen oder anderen mag die Vorstellung, in der kalten, einsamen und leeren Wildnis allein zu sitzen beklemmend wirken, aber für mich ist es das nicht.<br />
Plötzlich aktiviert mein Kopf einen Song von Janis Joplin und ich fange leise an zu summen: „<strong>Freedom's just another word for nothing left to lose</strong>“. Ich bin live und mitten drin da wo ich schon immer sein wollte. Das Reisefieber - nein, der Bann der Arktis hat mich gepackt. Diese wilde, raue Natur öffnet den Zugang zum wahren Ich im Körper. Die Reise ins Nichts ist eine Reise zu sich selbst, die stärkt und den Charakter definiert. Sie führt in die unentdeckten Katakomben des eigenen Daseins, bei der man die Veränderung spüren kann und starre Gedanken aufgelöst werden. <strong>Nicht wie in der Welt zu Hause, in der der Komfort und die Sicherheit den Blick über die Grenzen blockiert</strong>. In der „Vidda“ hingegen, wird das Innere, der Kern der Gedanken und das Gespür geschärft. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/44-whiteout-in-klein-groenland/whiteout.jpg" alt="whiteout"><figcaption>Pausentee im gr&ouml;&szlig;ten Gefrierschrank Europas.</figcaption></figure>
<p>Während ich noch immer träume, gleite ich im langsamen Schritttempo durch die eisige Landschaft und mein Blick verschwimmt weiterhin im weißen Nichts. Jetzt wieder: Zehn Meter laufen, anhalten, orientieren, neu ausrichten und wieder in Bewegung setzen. Das Manöver Vorwärtskommen zieht sich über mehrere Stunden. Nur wenige Kilometer schaffe ich an diesem Tag. Plötzlich schimmert ein roter Fleck am fernen Horizont. Endlich erkenne ich wieder Formen. Ungewöhnliche markante Punkte springen hier sofort ins Auge. Ich muss lachen. Diese rote Kuppel am Ende der Weite ist meine Oase in dieser unberührten Welt. Dort gibt es warmes Essen, warme Kleidung und einen warmen Schlafsack. Es ist mein Basislager, das mich vor Wind und Schnee schützt. Ich komme nach Hause. Der Temperaturunterschied zwischen „drinnen“ und „draußen“ ist jedoch marginal. Als ich endlich mein Zelt erreiche, löst sich das Whiteout allmählich auf. Immer mehr Konturen kommen zum Vorschein und <strong>das Nichts offenbart seine magische Winterlandschaft</strong>. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/44-whiteout-in-klein-groenland/dsc08758.jpg" alt="dsc08758"></figure>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/44-whiteout-in-klein-groenland/dsc08771.jpg" alt="dsc08771"><figcaption>Eine kalte und lange Nacht steht bevor.</figcaption></figure>
<p>Das Zelt ist eingeschneit und vom Wind völlig vereist. Im Hintergrund erkenne ich vereinzelte Bäume, deren Äste von der Last des Schnees in Richtung Boden zeigen. Der Himmel ist nun grau und grenzt sich klar vom Rest der Landschaft ab. Ich genieße noch einen kurzen Augenblick die unberührte Winterlandschaft, bevor ich für die bevorstehende lange arktische Nacht in meine Behausung krieche. Es gibt nichts Schöneres, als mit roten Wangen nach einem anstrengenden Tag den Gaskocher anzuwerfen und einen Topf Schnee zu schmelzen. Es ist der Geruch und das legendäre Geräusch des zischenden Gaskochers, der dieses Ankommen in der Oase so besonders macht. Denn jetzt kann ich meine Flasche, die als Wärmflasche dient, endlich mit heißem Wasser befüllen und in den Schlafsack stecken. Nach einem kurzen Moment hat sich die Wärme in den Dauen voll entfaltet und ich schlüpfe hinein, um die wohlverdiente Wärmetherapie meiner Füße einzuläuten. Welch eine Wohltat. Jetzt ein leckeres Abendessen. Bei Kerzenlicht gönne ich mir eine große Portion Spaghetti alla carbonara und einen kräftigen Schluck Rum aus der Pulle. Die Außentemperatur interessiert mich nicht, denn ich bin warm und glückselig.</p>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>&#8222;FRILUFTSLIV&#8220; - WAS KINDER BRAUCHEN</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/friluftsliv</link>
      <guid>blog/friluftsliv</guid>
      <pubDate>Tue, 27 Oct 2020 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>„Friluftsliv“ ist eine norwegische Wortkomposition aus den Wörtern: Freiheit (frihet), Luft (luft) und Leben (liv) und bedeutet so viel wie: „Leben im Freien“. Es beschreibt einen Lebensstil, der mit der Natur in Verbindung steht. Obwohl Norwegen eines der modernsten Länder der Welt ist, verbringen die meisten Norweger dennoch ihre Freizeit am liebsten draußen vor der Tür. Sie sind naturverbunden, egal ob es ein kleines Picknick im Wald, eine lange Wanderung oder ein Nachmittag in der Hängematte ist  – der Fokus ist stets die frische Luft. Es ist ein Begriff, der den Kern der norwegischen Kultur meiner Meinung nach am besten beschreibt. Es geht dabei um <strong>den Wert des Zeitvertreibs</strong>. Meist verweilt man mit der ganzen Familie an abgelegenen Orten in der Natur, um das geistige und körperliche in Einklang zu bringen. Und in der Tat, eines meiner aufregendsten Erlebnisse ist es, mit meinem Sohn Zeit in der Natur zu verbringen. Ihm die Wunder dieser prachtvollen Welt zu zeigen, erfüllt mich zutiefst. Mit meinem selbstständig gewordenen Fleisch und Blut wilde Orte zu betreten ist extrem befreiend. All die Sorgen, Probleme und Alltagsdramen lösen sich auf. <strong>Wir schwimmen in wilden Bächen, klettern auf Felsen, kochen über dem Lagerfeuer und zählen die Sterne am Firmament</strong>. Die Natur ist der Spielplatz. Ich erinnere mich an den letzten Sommer, als wir zu zweit tief im Wald im Zelt geschlafen haben und laut röhrende Elche hören konnten. Es war ein Konzert, das uns bis in den Schlaf begleitet hat. Während all meiner Abenteuer hatte ich nie so ein überwältigendes Glücksgefühl wie in jener Nacht. Oder als wir irgendwo im Nirgendwo auf einen hohen Berg geklettert waren und gemeinsam die Aussicht genossen. Dabei war nicht der atemberaubende Ausblick das Besondere, sondern vielmehr die kleinen Dinge drum herum, die sich da oben auf dem abgelegenen Gipfel abspielten. Er entdeckt die Welt und seine Entschlossenheit und die Freude auf ein Abenteuer zaubert ihm immer wieder ein Lächeln in sein Gesicht.  </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/43-friluftsliv/_1.png" alt="_1"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">DER NORWEGISCHE WEG</h2>
<p>Kinder brauchen das „Friluftsliv“ mehr als alles andere in ihrem Leben. Sie müssen raus. Und damit meine ich nicht raus in den Zoo und Tiere durch den Zaun beobachten oder im städtischen Park spazieren gehen. Nein, ich meine raus in die echte Natur, die man anfassen, atmen und schmecken kann. <a href="https://www.david-franz.de/adventures/die-entdeckung-der-drakensberge" target="_blank">Hier gehts zum Familienabenteuer in der Wildnis</a>. Wer durch Wälder rennt und über Wurzeln und Äste springt, trainiert sein Gleichgewichtssinn. Kinder können in der Natur ihren eigenen Köper am besten kennenlernen und gleichzeitig wird gewährleistet das sie ihre ursprünglichen Instinkte voll entfalten können. Das Leben in der Natur ist eine Auszeit und eine willkommene Ablenkung im Zeitalter der digitalen Reizüberflutung. Ich sage: <strong>Kinder müssen sich im Dreck suhlen und barfuß den weichen Boden der Erde spüren</strong>. Sie müssen sich frei bewegen können und auch ohne elterliche Aufsicht ihre Grenzen ausloten. Du fragst dich: Wie soll das gehen? Die meisten Eltern finden den Gedanken beunruhigend, dass ihr Kind alleine an einem Bach oder auf Bäumen spielt. Durchaus berechtigt, aber die Entwicklung des eigenen Kindes ist auch eine persönliche Weiterentwicklung. Das kleine Lebewesen hat <strong>das Recht auf Solo-Abenteuer</strong>, denn nur so kann sich der Charakter, die Fein- und Grobmotorik und die Kreativität auch entwickeln. Den Tatendrang nicht unterbinden, sondern im Rahmen der jeweiligen Situation fördern und gewähren lassen. Am Ende ist es eine Win-win-Situation. Je mehr Vertrauern man in sein Kind legt, umso selbstbewusster und selbstständiger wird es. Im Gegenzug sind die Eltern meist gelassener, was zur allgemeinen Entspanntheit beiträgt. Übrigens ist diese Herangehensweise auch eine gängige Praxis in norwegischen Kindergärten. Kinder können sich im Bereich der imaginär abgesteckten Grenzen frei bewegen, ohne das ein Erzieher ständig ein Auge auf sie haben muss. Wenn man sein Kind im norwegischen Kindergarten abholen will, kommt es durchaus vor, dass es erst einmal im Wald gesucht werden muss. Ansagen wie: „Ihr Kind habe ich das letzte Mal vor vierzig Minuten gesehen, schauen wir mal wo es sich gerade rumtreibt“, sind keine Seltenheit. Das Vertrauen in die Kinder ist beispiellos. Eine Einstellung die sich durchaus mit meiner Vorstellung von Erziehung deckt. Oder wie Goethe sagen würde: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/43-friluftsliv/img_20201107_094316.jpg" alt="img_20201107_094316"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">DAS TRÄUMEN NICHT VERLIEREN</h2>
<p>Raum zur Entfaltung bedeutet Wachstum. Genau das ist es, was all die Stunden in der Natur ein Kind lehren können. Seit ewigen Zeiten zieht die Natur Abenteurer und Träumer in ihren Bann. Unsere Kinder sind diese Träumer, die auf einer unaufhaltsamen Fantasiereise durch die Welt wandern. <strong>Die Natur ist der Ort, an dem sie ihre ungewöhnlichen Ideen Ausdruck verleihen können</strong>. „Wir gehen gemeinsam auf eine Expedition“, sage ich zu meinem Sohn, der im Zuge dessen mit voller Neugier in sein ganz eigenes Abenteuer aufbricht. Unberührte, wilde und naturbelassene Orte sind kostbar für uns. All die Abläufe von den kleinen komplexen Dingen und Strukturen, die unseren Planeten formen, ermöglichen unseren Kindern die Welt zu verstehen. Sie begreifen ihre Umwelt besser und ganz im Gegensatz zu den rationalen Lernzielen erfinden sie sich dabei jedes Mal neu. Indianer spielen, ein Iglu bauen oder am Lagerfeuer den märchenhaften Abenteuergeschichten von Papa lauschen. Die Kreativität und die unkonventionellen Denkansätze sind es, welche draußen in der Natur gefördert werden und nicht mehr verloren gehen. Toben ist wichtiger als Wissen. <strong>Das Wesen unserer Kinder darf nicht nach Schema-F ausgebildet werden</strong>. Unsere höchste Priorität sollte es sein, unsere Kinder auf die Vielfältigkeit dieses Lebens vorzubereiten. Was hier gilt, gilt vielleicht nicht dort. Nur wer über den Tellerrand schaut, kann auch auf sein ganzes geistliches Spektrum zurückgreifen. Kinder dürfen das Träumen nicht verlieren. Am besten nicht bis ins hohe Alter. Nirgendwo geht das besser als in der wunderbaren Natur. Mein Sohn und ich, wir haben uns in die Welt der Berge, Meere und Wälder verliebt. Er glaubt an die Magie der Natur und wenn es ihm wieder gelingt, in die vielfältige, farbenprächtige Welt aufzubrechen, dann weiß ich, das es gut für ihn ist und er dabei seine Fantasie und Lebenskraft fördert. Und genau das ist es, worum es beim „Leben im Freien“ der Kraft von „Friluftsliv“ geht. Schließlich sind es die Träumer, die die Welt verändern.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/43-friluftsliv/dsc09450.jpg" alt="dsc09450"><figcaption>&bdquo;Friluftsliv&ldquo; bei jedem Wetter.</figcaption></figure>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>HEIMAT DER RIESEN</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/heimat-der-riesen</link>
      <guid>blog/heimat-der-riesen</guid>
      <pubDate>Thu, 17 Sep 2020 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>Ich bin dem Horizont so nah und unter Tränen verschwimmt mein Blick. Auf einer abgelegenen Bergspitze beobachte ich das Panorama der höchsten Berge Skandinaviens. Durch die Wolken dringt das letzte warme Licht. Der Wind fegt. Ohne Regeln und Gesetz erlebe ich diesen Moment zwischen Traum und Wirklichkeit. Völlig schwerelos und überwältigt bewundere ich die schweigsamen Felsriesen. <strong>Mit Haut und Haar fesselt mich die Landschaft</strong>. Ich bin allein und kein Pfad führt auf diesen abgelegenen Gipfel. Der Himmel durchläuft das gesamte Farbspektrum und schimmert in einem sanften Glanz. Die starken Böen knallen auf mein raues Gesicht. Es ist ein Moment voller Magie und Zauber, der den schweren Aufstieg hier rauf vergessen macht. <strong>Ich befinde mich im norwegischen Jotunheimen, in der Heimat der Felsriesen, eines der letzten Wildnisse Europas</strong>. In der Nacht ist es kühl und das Thermometer meiner Uhr meldet frostige Temperaturen. Minus fünf Grad sind auf ungefähr zweitausend Höhenmeter auf dem 61. Breitengrad selbst im Sommer keine Seltenheit. Ich mummele mich in meine Daunen-Ausrüstung und schraube meine Winterhandschuhe auf meine tauben Hände, die mir beim Zeltaufbau fast eingefroren sind.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06868.jpg" alt="dsc06868"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06907.jpg" alt="dsc06907"></figure>
<p>Der Weg hinauf auf diesen schroffen Gipfel führte mich durch eine stark eiszeitlich geprägte Landschaft. Vorbei an Gletscher, Moränen und Trogtälern bin ich entlang eines schmalen Grat auf diese Bergkuppe gelangt. Ohne Wandererfahrung und Wildnis-Kenntnisse sollte niemand solch einen Anstieg ungeübt unternehmen. <strong>Gefährlich kann es hier oben werden</strong>. Ich sitze in meinem Zelt und blicke auf das unberührte Gebirge. Ich höre mein Herz schlagen und es schlägt für diesen gottverlassenen Fleck Erde. Über Stadt, Land und Fluss bin ich weit weg von jeglicher Zivilisation und genieße bei einer Tasse Tee die klare Sicht. <strong>Im Angesicht der Berge lege ich mich in mein behagliches Zelt und lausche dem tosenden Wind</strong>. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06894.jpg" alt="dsc06894"></figure>
<p>Am nächsten Morgen weckt mich das Tageslicht. Ich entziffere mit geschwollenen Augen meine Uhr - es ist halb vier morgens. Und nicht nur das, auch eine minus sieben erkenne ich auf dem beschlagenen Saphirglass. Die Temperatur ist um weitere zwei Grad gesunken. Ich öffne das Zelt, welches noch im Schatten steht, und steige in langen Unterhosen hinaus. Was für ein spektakulärer Sonnenaufgang! Sofort greife ich meine Kamera. Ich bin gefesselt und völlig irre zu gleich, während ich bei kalten Temperaturen in meinem Outdoor-Pyjama über Steine springe, um diesen Moment für die Ewigkeit einzufangen. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06932.jpg" alt="dsc06932"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06957.jpg" alt="dsc06957"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06934-pano.jpg" alt="dsc06934-pano"></figure>
<p>Als ich mich wieder in den Schlafsack lege, verschwindet das sanfte Licht, die Sonne steht nun hoch. Ich muss unbedingt schlafen. Wenigstens für ein paar Stunden, denn der nächste Gipfel wartet schon. Aufgeregt wälze ich mich hin und her, gehe im Kopf den weiteren Verlauf der Wanderung durch und schwärme noch ein wenig von diesem überwältigenden Sonnenaufgang, bis ich schließlich tief und fest einschlafe. </p>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">MEHR ALS ANGST</h2>
<p>Nun ist es nicht das Licht, sondern die Hitze, die mich weckt. Die Sonnenstrahlen heizen mein Zelt ordentlich ein, sodass ich schnell aufstehe und meine Sachen packe. Mit voller Energie marschiere ich immer höher. Die Aussicht ist, wohin ich auch blicke, majestätisch. Auf den unzähligen Kilometern, die ich zurücklege, erschließt sich <strong>eine kontinuierliche Schönheit</strong>. Mein Blick richtet sich nach oben, vielleicht sind es noch zweihundert Meter bis zum höchsten Punkt? Das Wandern wird nun vielmehr zum Klettern. Die Wanderstöcke befestige ich am Rucksack und ich bewege mich mit aufmerksamen Bewegungen auf allen vieren aufwärts. Ich schaue gar nicht mehr nach oben, weil der Anstieg so steil ist, sodass ich mit gesenktem Kopf kontrollierend, nach unten blickend die Wand hochklettere. Ohne zu bemerken, welches Hindernis als Nächstes wartet, umklammere ich einen Felsen, reiße mich an ihm empor und schlage mit meinem Gesicht mit voller Wucht gegen einen hervorstehenden Stein. Etwas benommen versuche ich mich auf den Beinen zu halten. Außer einer kleinen Schwellung an Nase und Stirn und einigen Kratzern ist nichts Schlimmeres passiert. Ich blicke nach unten und sehe in den tiefen Abgrund. <strong>An dieser Stelle ist volle Konzentration gefragt</strong>. Es gilt das Körpergewicht in Richtung Felswand zu drücken, um einen Absturz zu verhindern. Ich habe Glück, das die Felsen trocken sind, sodass ich mit vollem Grip arbeiten kann. Bei Feuchtigkeit wäre dieser Aufstieg unmöglich gewesen. Millimeter für Millimeter schiebe ich mich mit meinem Rucksack nach oben. Dann endlich, ich habe es geschafft, dachte ich zumindest. Leider stehe ich nur auf einem kleinen Zwischengipfel. Der Weg erscheint mir endlos und schwierig. Irgendwie anders als ich ihn mir vorgestellt habe, während ich die Reise akribisch und mit voller Motivation auf der Couch geplant habe. <strong>Aber so ist das in der Wildnis, wenn man dem Ziel so nahe scheint, dann kommt immer noch ein weiteres Hindernis</strong>. In diesem Fall ist es ein großes Schneefeld, das ich aus der Ferne erblicke. Ich ahne schon, was mich dort erwartet – ein Balanceakt in luftiger Höhe. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06983.jpg" alt="dsc06983"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06992.jpg" alt="dsc06992"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc06984.jpg" alt="dsc06984"></figure>
<p>Ganz sachte – bloß nicht nach links und rechts schauen. Mein Blick zeigt im dreißig Grad Winkel nach oben. Es gibt nur eine Richtung. Wie auf einem Hochseil setze ich behutsam einen Fuß vor den anderen. Neben mir geht es Hunderte Meter abwärts, als ich mich auf einem schmalen, mit Schnee bedeckten Grat bewege. Meine Wanderstöcke sind nun wieder einsatzbereit und helfen mir, die Balance zu halten. <strong>Langsame Schritte sind erforderlich, um keinen Schneerutsch auszulösen</strong>. Eine plötzliche und rasche Abrissbewegung dieser Eismassen wäre fatal. Ich spüre den immer schneller werdenden Ausschlag meiner Halsschlagader und wie mein Herz in der Brust klopft und das Blut rauscht. Ist es Angst? Nein, es ist überschäumende Euphorie. Ich werde durchströmt von einer sehr präsenten Ruhe. Es fühlt sich lebendig an. Meine Neugier treibt mich an. Ich bin gefesselt und gefasst zugleich. Vollkommen fokussiert überwinde ich schließlich die letzten Meter auf weißem Untergrund. Nun erkenne ich den Gipfel deutlich. Energiegeladen überwinde ich fast im Laufschritt den letzten Höhenunterschied bis ich schließlich auf ungefähr zweitausendvierhundert Meter auf dem Gipfel stehe. Aufgrund der nördlichen Lage ist dies eigentlich kein Ort an dem man lange verweilen kann.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07000.jpg" alt="dsc07000"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07002.jpg" alt="dsc07002"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/composition.jpg" alt="composition"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">SO WILD UND DOCH SO SANFT</h2>
<p>Die spitzen, zerklüfteten und kargen Felsen thronen nun bei absoluter Stille am Horizont. Ich zähle mehr als dreißig Gipfel die höher als zweitausend Meter sind. Willkommen in der Wirklichkeit – das ist das Dach Skandinaviens, – <strong>das ist unser kostbarer Planet</strong>! Bilder reichen nicht aus, um zu erahnen, wie tief mich dieser Anblick berührt. Es sind die weichen Farben des Abendhimmels, die die scharfen Kanten der Berge hervorheben. Das warme Licht verändert sich nun minütlich, während meine Nase mit sachten Atemzügen die klare Luft der Wildnis in meinen Körper saugt. Ich fühle mich leicht und die Zeit scheint zu stehen. Es duftet nach frischen Kräutern und im Hintergrund höre ich das vertraute und freiheitsverbindende <strong>Zischen meines Gaskochers</strong>, auf dem ich mir eine Tasse Tee zubereite. So schmeckt das Leben. Für viele Stunden sitze ich nun da, bin gedankenfrei und genieße das wunderschöne Panorama. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07050.jpg" alt="dsc07050"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07069.jpg" alt="dsc07069"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07067.jpg" alt="dsc07067"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07155-pano.jpg" alt="dsc07155-pano"></figure>
<p>In der Nacht sinkt das Quecksilber noch einmal in den negativen Bereich, doch schon am frühen Vormittag steigen die Temperaturen wieder auf angenehme plus Grade bei strahlend blauem Himmel. Nach einem ausgiebigen Frühstück packe ich meine Ausrüstung zusammen und setzte meine Beine für den Abstieg in Bewegung. Mein Ziel ist ein abgelegenes Tal, welches auf ungefähr 1300 Meter umzingelt von hohen Bergen liegt. Voller Vorfreude und purer Glückseligkeit werde ich von den mächtigen Bergen mitgerissen und absolviere dabei Kilometer um Kilometer. Meine Gedanken sind, wie immer wenn ich durch die Einsamkeit laufe, auf Durchzug gestellt.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07194.jpg" alt="dsc07194"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07244.jpg" alt="dsc07244"></figure>
<p>Ich denke an nichts und <strong>fühle nur diese wilde Natur</strong>. Doch plötzlich bleibe ich während meiner geistigen Versunkenheit stehen und mache verwehte Fußspuren aus. Sie sind nur sehr schwer auf der Oberfläche des Schnees, auf dem ich gerade stehe, zu erkennen. Beim näheren Hinsehen nehme ich unzählige weitere Spuren wahr. Bin ich doch nicht allein? Sind hier noch andere Menschen unterwegs? Irgendwie muss ich sofort an den typischen Touristenbus denken, der mit unzähligen Pauschalurlaubern einen kurzen Ausflug in diese abgelegene Welt macht. In der Tat, ich hatte mehr Angst, solch einer Menschenmasse zu begegnen, als in luftiger Höhe die Balance zu halten. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07213.jpg" alt="dsc07213"></figure>
<p>Meine Knie krachen auf den Boden und ich schaue mir die Spuren genauer an. Sie sind verwittert, aber nun erkenne ich, das es sich nicht um Menschenspuren handelt. Ich atme durch, Erleichterung macht sich breit, denn ich bin noch immer alleine. Ich bin mir sicher, es müssen Spuren von Rentieren sein, die sich im Sommer überwiegend auf den großen Eisflächen aufhalten, um ihre Körpertemperatur niedrig zu halten. <strong>Eine Begegnung mit Rentieren wäre mir natürlich lieber als eine Begegnung mit dem Pauschal-Tourist</strong>, der auf Kaffee und Kuchen wartet. Auch wenn das an diesem Ort völlig unrealistisch erscheint, macht mir dieser banale Gedanke etwas zu schaffen. Am Ende kann ich nur noch über mich selbst lachen, als tatsächlich ein prächtiges Rentier mit großem Geweih und schnellem Schritt auf mich zu galoppiert. Erst im Augenwinkel habe ich es wahr genommen, wie es lautlos hinter einem Felsen hervor gelaufen kommt. Sofort bleibe ich stehen, sinke zu Boden und mache mich klein. Ich möchte das Tier nicht verschrecken, während ich ganz sachte mein Teleobjektiv aus meinem Rucksack hole und es auf meine Kamera schraube. Welch ein Anblick, <strong>noch nie habe ich ein wildes Rentier in solch einer Nähe gesehen</strong>. Das Tier legt gerade das Winterfell ab und sieht dementsprechend zerzaust aus. Das Geweih hingegen thront majestätisch auf dessen Kopf und sieht edel, sauber und unversehrt aus. Die großen Augen nehmen Blickkontakt mit mir auf. Unser Abstand entspricht weniger als fünf Meter. Ich spüre, wie sich mein Herz weitet und ich ganz warm werde. Diese Begegnung ist einmalig. Das Tier mustert mich minutenlang und bewegt sich nicht mehr. <strong>Ich fixiere mein Gegenüber und friere den Moment ein</strong>. Es scheint, als würde dieses Beschnuppern eine halbe Ewigkeit andauern. In dem von grauen Felsen und Eis geprägten rauen Land mache ich meine bisher intensivste Wildtier Erfahrung. Welch eine wohlwollende, ja fast vertrauensvolle Bekanntschaft. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07373.png" alt="dsc07373"></figure>
<p>Schwungvoll und lebhaft setzt das Ren schlussendlich seine Reise fort. Aber nicht ohne, sich vorher ebenwürdig zu verabschieden. <strong>Es umkreist mich zweimal und verschwindet danach langsam hinter einem Hügel</strong>. Ich muss mich kurz sammeln und erinnere mich, dass Rentiere Herdentiere sind. Wo eins ist, müssen mehrere sein. Langsam robbe ich auf allen vieren zu dem kleinen Hügel hinüber, hinter dem das Wesen vor wenigen Sekunden verschwunden ist. Ich spähe über einen kleinen Vorsprung hervor und kann meinen Augen kaum glauben. Ich zähle bis zu fünfzig oder sechzig weitere Tiere, die in einzelnen Gruppen verteilt stehen.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07549.png" alt="dsc07549"></figure>
<p>Viele Stunden verharre ich an diesem Ort und beobachte das Treiben dieser sympathischen Geschöpfe. Sie haben sich mittlerweile an meine Anwesenheit gewöhnt, sodass sich manche Tiere im Schnee niedergelassen haben. Der Vorbote hatte mich wahrscheinlich als harmlos eingestuft und die Herde entsprechend informiert. Meine Faszination gilt weiter dem Geweih der Tiere, das stangenförmig und weit verzweigt, unregelmäßig und asymmetrisch bei jedem Tier unterschiedlich ist. Sogar die Weibchen tragen ein Geweih. <strong>Es ist ein wahres Privileg, diese Tiere so exklusiv und nah in der freien Wildnis zu beobachten</strong>. Doch irgendwann naht immer die Zeit des Abschieds. Ein Ren erhebt sich nach dem anderen und sie trotten als Kollektiv von dannen. Lange schaue ich ihnen hinterher, bis auch ich mich dafür entscheide, tiefer ins Tal abzusteigen.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07543.jpg" alt="dsc07543"></figure>
<figure class="video"><iframe src="//youtube.com/embed/rfL6Kz0DjbI?rel=0" frameborder="0" webkitallowfullscreen="true" mozallowfullscreen="true" allowfullscreen="true"></iframe></figure>
<p>Mit leichtem Fuß und vollster Zufriedenheit absolviere ich die letzten Kilometer der heutigen Etappe. Das ist es, wonach ich mich sehne: die prächtige Wildnis mit all ihrer Rauheit, Unberührtheit und ihren erstaunlichen Überraschungen. <strong>Ohne Sicherheit, nicht wissend, was als Nächstes passiert, lauert hinter jeder Ecke das Abenteuer</strong>. Hier draußen, im Inneren der natürlichen Welt, kann man das wahre Leben spüren und sich selbst besser wahrnehmen. Ich jage als hungriges Lebewesen die aufregenden Momente der wunderbar erdenden Natur. Schließlich stelle ich nach einem langen Tag mein Zelt neben einem ungezähmten Gletscherfluss auf und stecke meine Beine in das eisige Wasser. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen die Landschaft in eine herrliche Abendstimmung.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07706.jpg" alt="dsc07706"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07722.jpg" alt="dsc07722"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/42-heimat-der-riesen/dsc07745.jpg" alt="dsc07745"></figure>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>ALLEINE SEIN ALS PRIVILEG</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/alleine-sein-als-privileg</link>
      <guid>blog/alleine-sein-als-privileg</guid>
      <pubDate>Wed, 24 Jun 2020 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<p>Durch die Wolken geht mein Blick. Ich stehe auf einem abgelegenen grönländischen Berg, breite meine Arme aus und schreie so laut ich kann. Mein ganzer Körper vibriert – den letzen Menschen habe ich vor über zehn Tagen gesehen. Es dauert eine halbe Minute, ehe ich meinen Mund wieder schließe und meine Ohren das Echo des Schalls verfolgen können. In der Ferne sehe ich Rentiere galoppieren und über mir kreisen riesige Weißkopfadler. Mein Körper kribbelt noch immer vom Schrei und ein kalter Wind bläst mir ins Gesicht. Ich sehe weiter in die Ferne und lese meine Träume. Meine Gedanken sind frei und meine Seele ist federleicht. Ich spüre das Leben. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/41-alleine-sein-als-privileg/allein_groenland.jpg" alt="allein_groenland"><figcaption>Allein in der gr&ouml;nl&auml;ndischen Wildnis.</figcaption></figure>
<p>Oft werde ich gefragt wie ich auf meinen Wanderungen mit der Einsamkeit und auch mit mir selbst zurechtkomme. Denn es gibt tatsächlich Menschen die sich nicht vorstellen können, wie es ist, mehrere Stunden, Tage oder sogar Wochen allein zu sein. Das Alleinsein hat in unserer Gesellschaft einen schlechten Ruf - zu Unrecht, wie ich finde. Meistens wird das Alleinsein sofort mit Einsamkeit assoziiert und viele denken dann an Einzelgänger, Isolation, Langeweile oder auch an Depression. Sucht man beispielsweise ein Synonym für das Wort Alleinsein, dann findet man überwiegend negative Begriffe wie z. B. Abkapselung, Leere, Abgeschiedenheit, Vereinsamung und Zurückgezogenheit. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. <strong>Alleine zu sein tut gut</strong> und jeder kann den Raum der dabei entsteht, als ein durchweg positives Gefühl, so wie ich es während meiner Zeit in der grönländischen Wildnis erfahren durfte, erleben. Entscheidend dabei ist, dass ich mir damals die Situation des Alleinseins freiwillig ausgesucht habe und mir diese nicht von außen auferlegt wurde. Denn ich bin überzeugt, wer sich <strong>aus freien Stücken für das Alleinsein entscheidet</strong>, um zum Beispiel alleine auf einen Waldspaziergang zu gehen oder eine lange Reise anzutreten, der wird es als befreiend und wohltuend erleben. Alleinsein und Einsamkeit dürfen also nicht gleichgesetzt werden, denn der positive Effekt des Alleinseins ist unverkennbar. Doch woher rührt das allgemein negative Verständnis und das Unwohlsein des Alleinseins? Häufig ist es das Elternhaus, in dem weder die Mutter noch der Vater, mit Ruhe und Freude das Alleinsein vorgelebt haben. So haben wir gelernt, uns abzulenken und in unserem Kopf manifestieren sich Stress, Probleme, Verwirrung und die Angst vor dem, was da eventuell hochkommen würde, wenn wir alleine sind. <strong>Wer sich bewusst vor dem Alleinsein drückt der verpasst dabei etwas ganz Wesentliches</strong>. Denn wer nicht lernt, alleine zu sein und das auch zu zelebrieren, der wird auch nicht in Resonanz mit anderen Menschen gehen. Um tief in sich selbst hinein zu spüren, benötigt es Ruhe und erst dann ist man in der Lage auf sein eignes Herz und die Gefühle zu hören. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/41-alleine-sein-als-privileg/allein_suedafrika.jpg" alt="allein_suedafrika"><figcaption>Selbstreflextion in einsamen Landschaften.</figcaption></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">EIN PARTNER MACHT NICHT GLÜCKLICH</h2>
<p>Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben und wenn du lernst, mit dir selbst Zeit zu genießen und damit deine inneren Konflikte bereinigst, dann wirst du automatisch ein glücklicherer und stärkerer Mensch. Indem du allein bist, gewinnst du an Empathie, Selbstreflexion, Kreativität, Entschlossenheit und Mut. Du wirst dir somit keine Bestätigung mehr von außen einholen müssen, denn du weißt, <strong>dass du so, wie du bist, genug bist</strong>. Glücklich sein in seiner reinsten Form, dass bedeutet völlig nackt, ohne materielle Dinge, Partner und Zukunftsangst, mit nichts außer mit sich selbst fröhlich zu sein. Besonders auf die Partnerschaft möchte ich an dieser Stelle noch einmal näher eingehen. Viele Menschen tendieren dahin, dass sie ihr Glück einzig und allein vom Partner abhängig machen. Doch wer das tut, der beraubt sich selbst unzähliger Möglichkeiten, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen. <strong>Der eigene Partner macht das Leben nicht glücklich</strong>, sondern er bereichert es nur. Bist du mit dir selbst alleine nicht glücklich, dann wird ein Partner dich auch nicht glücklicher machen. Wieso ist man so oft zu zweit auch meistens allein? Ist es nicht unfair, eine solch große Erwartungshaltung an den Partner zu stellen, die er ohnehin nicht erfüllen kann? Glücklich können wir schließlich nur alleine sein – der Rest ist ein Bonus, ein Extra, welches anschließend selbstständig auf uns zugeflogen kommt. Du gibst damit nicht nur deinem Partner, sondern auch deinen Mitmenschen den Raum, den sie brauchen, um sich in deiner Gegenwart völlig zu entfalten.</p>
<p>Es gibt unzählige weitere Situationen im Leben in denen wir mit uns allein zurechtkommen müssen. Der eigene Tod ist dafür ein prominentes Beispiel. Jeder Einzelne von uns wird diesen Weg alleine gehen müssen, und wäre es nicht schön die letzten Minuten und Sekunden im völligen Einklang mit sich selbst und ohne Angst zu erleben? </p>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">POSITIVE WIRKUNGEN</h2>
<p>Das Alleinsein bietet ungeahntes Potenzial. <strong>Wer mit seiner Kraft am Limit ist und das Leben hinterfragt, der tut gut daran, Zeit mit sich selbst zu verbringen</strong>. Aus eigenen Erfahrungen möchte ich hier fünf positive Erkenntnisse auflisten die ich, insbesondere während meiner solo Wildniswanderungen, gelernt habe.</p>
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<h2 align="center" style="margin:0.7em">MUT</h2>
<p>Es gab unzählige Momente auf meinen Wanderungen, bei denen ich gehörig die Hosen voll hatte. Ob es die Begegnungen mit wilden Tieren waren oder das gefährliche durchwaten ungezähmter Gletscherflüsse. <strong>Es sind die Erlebnisse, ob positive oder negative, die uns bereichern können und uns damit die Angst vor dem Unbekannten nehmen</strong>. Wer Mut besitzt  ist entscheidungsfreudiger und weiß genau was seinem Leben guttut. Draußen in der Natur intensiviert man unumgänglich seine innere Stärke und das eigene Selbstvertrauen.</p>
<div class="center">
<div class="bgNumber _2"></div>
</div>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">DIE EIGENE WAHRHEIT FINDEN</h2>
<p>Mir wurde bewusst was ich brauche und was nicht, welche Faktoren Stress auslösen und was ich tun muss, um wieder zur Ruhe zu kommen. <strong>In der Stille der Natur und der daraus resultierenden Selbstreflexion erreichten meine Gedanken eine Klarheit die ich nie zuvor empfunden habe</strong>. Wir Menschen sehen die Welt nie so, wie sie eigentlich ist, sondern immer durch den Bildausschnitt den unsere Gesellschaft und unser Umfeld uns auferlegt. Deshalb ist es so wichtig, sich seine eigene Meinung zu bilden, sich selbst kennenzulernen, loszureißen und Fragen zu stellen, Fehler zu machen, um schlussendlich daran zu wachsen und seine eigene Wahrheit zu erkennen und diese auch zu leben.</p>
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<div class="bgNumber _3"></div>
</div>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">INSTINKTE NEU ENTDECKEN</h2>
<p>Die Wildnis ist die Wiege der Menschheit. Hier habe ich meine inneren Frieden und meine Zugehörigkeit gefunden. Mich in den Weiten und unberührten Gegenden dieses Planeten zu bewegen hat mich aufmerksamer werden lassen. Allein und ohne Ablenkung habe ich meine Sinne wieder entdeckt. Ich habe Augen, die beobachten, Ohren die lauschen. Ich habe Hände die ertasten, eine Nase die atmet  und eine Zunge die schmeckt. Und vielleicht <strong>das Wichtigste - ein Bauchgefühl, das weiß was das Herz fühlt</strong>. </p>
<div class="center">
<div class="bgNumber _4"></div>
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<h2 align="center" style="margin:0.7em">KLEINE DINGE SCHÄTZEN LERNEN</h2>
<p>Ein kleiner plätschernder Bach. Mit Dankbarkeit den Kühlschrank öffnen. Das Lächeln deiner Mitmenschen. Ein frisches Glas Wasser. Nicht nur nass werden, sondern <strong>den Regen spüren</strong>!</p>
<div class="center">
<div class="bgNumber _5"></div>
</div>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">ZEIT IST DAS WICHTIGSTE</h2>
<p>Meine wichtigste Erkenntnis die ich in der Wildnis sammeln durfte? <strong>Unsere Zeit ist endlich</strong>! Ich habe gemerkt das die Hetzerei und das Streben nach einem gesellschaftlich perfekten Leben nicht das ist, was ich will und völlig unwichtig ist. Vielmehr war ich draußen mit der Spärlichkeit, die mir in der Wildnis geboten wurde, zufrieden. Der Anblick der grenzenlosen Landschaft ließ meine Augen funkeln. Ich konnte stundenlang da sitzen und die kolossale Schönheit in meinem Inneren fühlen, genießen und dabei den Zugang zu meinem Herz bahnen. Die Zeit verging nicht wie zuhause im Fluge, denn in der Abgeschiedenheit bekommt man ein neues Gefühl dafür wie viel Zeit wir wirklich auf diesem Planeten haben. Eine Woche fühlte sich nicht wie ein paar hektische Tage im Alltag an, sondern eine Woche fühlte sich an wie ein Monat, so als hätte ich ewig Zeit. Man bekommt das Gefühl, als würde sich die Zeit dehnen, so wie damals als wir Kinder waren, in dem die Sommerferien endlos erschienen. <strong>Die eigene Lebenszeit ist somit das größte Gut was wir haben und es liegt an uns, die Zeit so zu gestalten wie wir uns das tief in unserem Herzen wünschen</strong>. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/41-alleine-sein-als-privileg/allein_wald.jpg" alt="allein_wald"><figcaption>Drau&szlig;en allein sein - in jeder Jahreszeit.</figcaption></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">SOLOVERANSTALTUNG</h2>
<p>Wann warst du das letzte Mal so richtig alleine? Nein, ich meine nicht in deiner Wohnung, in der Stadt, wo du die Nachbarn und den Straßenverkehr noch immer hören kannst, und ich meine auch nicht im eigenen Auto. Ich meine wirklich allein! Nur du und… du! Irgendwo im Wald vielleicht? Am Strand? Lass es zu und geh raus, um allein zu sein. Erstaunliche Dinge lassen sich finden, wenn niemand anderes dabei ist. Ich empfehle daher jedem, Zeit mit sich allein zu verbringen, und zwar täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich. Fang erst einmal mit einer Stunde am Tag an. Wenn du jetzt denkst, das ist zu viel, was soll ich in dieser Zeit machen, dann bist du genau der richtige Kandidat für eine Soloveranstaltung, an der nur du allein ohne Ablenkung teilnimmst. Am Wochenende hast du für gewöhnlich etwas mehr Zeit und deswegen solltest du deine Alleinsein-Zeit auf 3-4 Stunden ausdehnen. Und einmal in zwei Monaten empfehle ich dir, sogar <strong>ein ganzes Wochenende mit dir alleine zu verbringen</strong>. Ja, und ich meine nicht zuhause, sondern in der Natur, irgendwo in einer schönen Landschaft, Zeit mit dir genießen. Schließe dabei ab und zu deine Augen und fühle in dich rein, lass deinen Träumen freien Lauf und entdecke dich selbst, denn es sind schließlich auch die Träumer, die die Welt verändern können. Alleine kannst du das fühlen was wirklich Wichtig ist, und danach fühlt man nichts als Dankbarkeit. <strong>Alleinsein ist kein Fluch, es ist ein Abenteuer</strong>.</p>]]></description>
    </item>
        <item>
      <title>MOSCHUSOCHSEN</title>
      <link>https://www.david-franz.de/blog/dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter</link>
      <guid>blog/dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter</guid>
      <pubDate>Tue, 10 Dec 2019 00:00:00 +0000</pubDate>
      <description><![CDATA[<figure class="video"><iframe src="//youtube.com/embed/BqkYZ2_ggUo?rel=0" frameborder="0" webkitallowfullscreen="true" mozallowfullscreen="true" allowfullscreen="true"></iframe></figure>
<p>Dicke Flocken verstecken die unberührte Wildnis unter einer tiefen Schneeschicht. Wohin ich auch sehe, erblicke ich Weiß. <strong>Schneeflöckchen, Weißröckchen</strong> – der Winter strahlt. Ein starker Wind peitscht mir entgegen und der aufgewirbelte Schnee sticht mir wie tausend kleine Nadeln ins Gesicht. Ich suche Schutz hinter einem großen Felsen. Kalte arktische Böen fegen über das Land. Ich befinde mich auf einem Berghang im <strong>norwegischen Dovrefjell</strong>, im Winter, auf dem 62. Breitengrad. Begleitet werde ich von einem alten Expeditionsfreund. Weißer Ruß schimmert vor meinen Augen und meine Wimpern sind gefroren. Durch das Heulen des Windes verstehe ich mein eigenes Wort nicht mehr. Temperaturen jenseits der Wohlfühlgrenze. Zwischen Dunkelheit und Licht berührt die Sonne kaum den Himmel. Schlechte Sicht, White-out, keine Konturen, keine Kontraste, gefrorene Welt, so ungefähr muss es sich also anfühlen irgendwo am Nordpol, am Ende der Wildnis. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02329.jpg" alt="dsc02329"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02337.jpg" alt="dsc02337"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">DIE SUCHE</h2>
<p>Ich bin auf der Suche nach einer der letzten Denkmäler der vergangenen Eiszeit. Irgendwo hier müssen sie leben, die Urzeit-Riesen der <strong>arktischen Tundra</strong>. Wir übernachten in Zelten, welche gut geschützt vor dem Wind in einer Senke stehen. Im tiefen Winter kann das Zeltaufbauen manchmal mehrere Stunden dauern. Mit großer Gewissheit muss jeder Hering einzeln vergraben werden, damit die Zelte auch den anspruchsvollsten Bedingungen standhalten können. Jederzeit kann das Wetter umschlagen. Das <strong>Basislager </strong> ist unser frostiges Wohnzimmer für die nächsten 72 Stunden, in dem es keine Heizung und keinen Ofen gibt. Auskühlen ist verboten und wir müssen permanent in Bewegung bleiben. Ich spähe hinter dem Felsen, der mich vor dem Wind schützt, hervor. Wollen wir wirklich weiter hinaufsteigen? </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03234.jpg" alt="dsc03234"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02827.jpg" alt="dsc02827"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03226.jpg" alt="dsc03226"></figure>
<p>Das weiße Inferno schlägt uns mit aller Kraft entgegen. Ich setze meine Skibrille auf und ziehe meine Sturmhaube ganz fest zu, um doch nachzusehen, was uns am Ende des Berghangs erwarten würde. Mit Hilfe meiner Schneeschuhe schwebe ich über den tiefen Schnee, doch manchmal breche ich hüfttief ein und kann mich nur mit größter Mühe aus den Schneemassen befreien. Es ist ein <strong>unwirtlicher Ort</strong> und mit jedem Höhenmeter nimmt die Rauheit zu. Ab dem 1000. Höhenmeter weicht der seichte Schneeboden nun dem puren Eis. Die spitzen Haken meiner Schneeschuhe bohren sich tief in die gefrorene Oberfläche und sichern mir einen guten Stand. Die Kälte macht mich müde. Obwohl es nur kurze Strecken sind, die wir bewältigen, verlangt diese Tour alles von uns ab. Erschöpft stütze ich mich auf meine Wanderstöcke ab und mustere mit gesenktem Kopf die Umgebung. Plötzlich sehe ich im Schneegestöber <strong>die Silhouette eines riesigen Steins</strong>, der sich langsam durch die eisige Wüste bewegt. In meinem Blickfeld verschmelzen Boden und Horizont. Ich fühle mich wie in einer Leere, in einem unendlich großen Raum, in dem mir nur dieser dunkle Schatten eine Orientierung gibt. Ich bin sprachlos und stehe da wie angewurzelt. Wir sind mitten in eine <strong>Moschusochsenherde</strong> geraten. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03201.jpg" alt="dsc03201"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03043.jpg" alt="dsc03043"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03191.jpg" alt="dsc03191"></figure>
<p>Die Urzeit-Kolosse sind näher, als uns lieb ist. Wenige Meter entfernt stehen mindestens sechs von ihnen direkt vor unserer Nase. Regungslos stehen wir da und versuchen die Herde an unsere Anwesenheit zu gewöhnen. Die gelangweilten Blicke der <strong>Moschusochsen</strong> versichern uns, dass sie nicht überrascht sind und uns nicht als Bedrohung ansehen. Nach einem längerem Blickkontakt kratzen sie unbekümmert und cool mit ihren scharfen Hufen den <strong>eisigen Boden</strong> auf, um dort weiter nach Nahrung zu suchen. Sie lassen sich von uns nicht beirren. Trotzdem sind wir verunsichert und bewegen uns Schritt für Schritt, respektvoll und ruhig, rückwärts, um langsam sicheren Abstand zu gewinnen. Durchschnaufen! Was war das für eine Begegnung? Wir liegen uns in den Armen, als wir realisieren, dass wir die Ochsen tatsächlich gefunden haben. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/p1050157.jpg" alt="p1050157"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02404.jpg" alt="dsc02404"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02530.jpg" alt="dsc02530"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">AUF TUCHFÜHLUNG</h2>
<p>Das Dovrefjell hat eine Fläche von über 1600 Quadratkilometern, womit schon unter normalen Bedingungen das Auffinden dieser Tiere zur berühmten <strong>Suche nach der Nadel im Heuhaufen</strong> werden kann. Bezieht man die <strong>winterlichen Wetterbedingungen</strong> mit ein, die eine geringe Sicht mit viel Wind und arktischer Kälte zur Folge haben, dann grenzt diese Begegnung schon fast an ein Wunder. Mir war vor dieser Tour klar, dass die Wahrscheinlichkeit die Tiere im Winter aufzufinden sehr gering ist. Umso größer ist nun meine Freude diese Riesen tatsächlich in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02439.jpg" alt="dsc02439"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02656.jpg" alt="dsc02656"></figure>
<p>Ich liege auf dem Boden, der Wind peitsch noch immer heftig um meinen Körper, während ich aufgeregt meine Kamera aus dem Rucksack krame. Um besser hantieren zu können, ziehe ich meine Fäustlinge aus, aber schon nach wenigen Sekunden entzieht sich jedes Gefühl aus meinen Fingern. Es ist eine <strong>menschenfeindliche Gegend</strong>. Auch meine Fußzehen fühlen sich durch die Kälte schwer und gepeinigt an. Mit meiner Kamera in der Hand robbe ich wieder etwas näher an die Moschusochsen heran und verschanze mich hinter einen Stein. Von hier aus bin ich geschützt und habe <strong>beste Sicht auf die Tiere</strong>, ohne sie dabei zu stören. Ich beobachte sie lange und oft habe ich sogar Schwierigkeiten die zahmen Kreaturen von den Steinen der Tundra zu unterscheiden. Harmonisch liegen einige der großen Brocken dicht aneinandergereiht auf dem kalten Boden. Manche scheinen zu schlafen und sogar ein kleines Kalb kann ich gut getarnt im Schnee entdecken. Mein Finger ruht am Auslöser meiner Kamera, als plötzlich sanfte Sonnenstrahlen den Schneedunst durchbrechen. Welch ein Anblick.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/p1050127.jpg" alt="p1050127"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02448.jpg" alt="dsc02448"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02920.jpg" alt="dsc02920"></figure>
<p>Das struppige Fell der Ochsen schimmert jetzt am Sattel und an den Füßen hellbeige bis gelbbraun. Ganz deutlich kann ich <strong>jedes Detail der Bullen</strong> erkennen. Das buschige Fell ist mit Eis übersät und in ihren Augen reflektiert sich das Sonnenlicht. Ich kauere noch immer hinter dem Stein, beobachte weiter das Geschehen und fotografiere mich in einen Rausch. Auf einmal ist mein ganzer Körper warm, meine Hände und Füße fühlen sich an, als würde ich zuhause vor meinem Ofen sitzen. Oder habe ich schon jedes Gefühl in meinen Gliedmaßen verloren? Ich bin mir nicht sicher, aber ich weiß, dass die Tiere mich mit <strong>einem herzerwärmenden Gefühl</strong> überfluten. Ich habe die Kälte vergessen und bin gefesselt vom Anblick dieser kräftigen Wesen. Sie stapfen majestätisch durch den Schnee und knappern an den spärlichen Flechten, die im gefrorenen Boden verankert sind. Die Tiere trotzen mit ihrem massigen Fell dem <strong>harten norwegischen Winter</strong>. Mit ihnen in dieser subpolaren Region auf Tuchfühlung zu gehen, ist ein lebensveränderndes Erlebnis. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02696.jpg" alt="dsc02696"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc02942.jpg" alt="dsc02942"></figure>
<h2 align="center" style="margin:0.7em">KÄLTE</h2>
<p>Die Tage <strong>am Rande des Polarkreises</strong> sind kurz und nach nicht einmal fünf Stunden Helligkeit verkriechen wir uns jeden Abend gegen vier Uhr nachmittags in die Zelte. Ein Hauch von Wärme beschert mir mein Gaskocher, als ich das Abendessen koche. Das Kondenswasser gefriert am Innenzelt. Mit zwei Schlafsäcken und vollständiger Kleidung liege ich im norwegischen Gefrierschrank. Draußen beruhigt sich der Wind ab und zu, so dass völlige Stille herrscht. Kerzen sorgen für <strong>ein warmes Ambiente mit Gemütlichkeit</strong> im Innenraum. Etwas heißes Wasser fülle ich mir in meine Trinkflasche, die ich als Wärmequelle in meinen Schlafsack stecke. Welch eine Wohltat, endlich wieder die Füße zu spüren.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03200.jpg" alt="dsc03200"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03224.jpg" alt="dsc03224"></figure>
<p>Ist es diese Strapaze wert? Ja, denn genau in diesem Augenblick kann ich mir nichts Besseres vorstellen. Für die meisten Menschen ist die Sehnsucht nach dem Süden im Winter sehr groß, dabei ist es gerade <strong>der Norden</strong>, der in der kalten Jahreszeit voller Magie steckt. Ich Blicke aus dem Giebel meines Zeltes und sehe das Firmament. Klarste Luft. Noch einmal raffe ich mich für einen kleinen Spaziergang auf, um den Himmel zu genießen, aber vor allem auch, um meinen Körper durch etwas Bewegung mit so viel Wärme wie möglich auf eine lange, frostige Nacht vorzubereiten. <strong>Der Abendstern funkelt am Himmel</strong> und die Milchstraße erscheint in voller Pracht. Ganz ohne Lichtverschmutzung kann ich an diesem Ort, in absoluter Dunkelheit, um ein Vielfaches mehr Sterne zählen als irgendwo anders. Faszinierend schaue ich auf die Zelte, welche durch den Kerzenschein im Schnee illuminieren. Ich blicke in die Dunkelheit und denke demütig an die Moschusochsen, die jetzt dort irgendwo bei zweistelligen Minustemperaturen ohne weiches Bett schlafen. Sie benötigen keinen Daunenschlafsack, sie haben ein dickes Winterfell. Rasch ziehe ich mich wieder in mein Zelt zurück und mummele mich tief und fest ein. Den Schlafsack ziehe ich so weit zu, bis nur noch die Nasenspitze hinausschaut. </p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03018.jpg" alt="dsc03018"></figure><figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03205.jpg" alt="dsc03205"></figure>
<p>Am nächsten Morgen ist jeder Gegenstand in meinem <strong>Zelt gefroren</strong>. Wichtige Dinge, die ich vor der Kälte schützen musste, hatte ich über Nacht in den Schlafsack gesteckt. Viel Platz war darin nicht mehr, trotzdem konnte ich bei den eisigen Temperaturen hervorragend nächtigen. Nach einem ausgiebigen Frühstück steige ich in mein <strong>gefrorenes Schuhwerk</strong>, um mich noch einmal auf die Suche nach den urgewaltigen Riesen der Eiszeit zu machen. <strong>Der Winter, das Dovrefjell und die Moschusochsen</strong> haben mich in ihren Bann gezogen.</p>
<figure><img src="https://www.david-franz.de/content/4-blog/40-dovrefjell-moschusochsen-im-arktischen-winter/dsc03220.jpg" alt="dsc03220"></figure>]]></description>
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