RAUS AUS DEM BETON

Kaum aus Uganda zurück, war von der Magie der Wildnis, der Weitsicht und der Freiheit nur noch die Erinnerung übrig, die ich mir an die Kühlschranktür klatschen konnte. Der Alltag hatte mich wieder. Willkommen in Deutschland, im Land des Fleißes und der Disziplin. Es ist immer das Gleiche, wenn ich von einer Reise zurückkehre, ich sehe die Welt mit anderen Augen! Auch diesmal konnte ich spüren, wie das strukturierte und zielstrebige Leben die Menschen hierzulande in eine allgemeine Unzufriedenheit befördert. „Hast du dich gut erholt?“, wurde ich oft gefragt. Wer kennt diese eigenartige Frage nicht? Auspowern, erholen, auspowern, wieder erholen … wie soll das jemals funktionieren? Erholen für die Arbeit? Fit sein für etwas, das die meisten von uns völlig langweilt, krank und maßlos unglücklich macht? Das macht für mich keinen Sinn, da gibt es mehr im Leben! Wieso finden wir Menschen nicht das gesunde Maß an Ausgeglichenheit, um gleichbleibend erholt und glücklich zu sein? Links und rechts sind wir umzingelt von lebenden Robotern. Ein mächtiges Kontrastprogramm zu Afrika, wo trotz Armut, Krankheit und Kriminalität jeder Tag mit einem Lächeln im Gesicht und einer gewissen Leichtigkeit begonnen wird.

Angekommen im Büro erstickte ich im Gestank der Computer und Betonwände. Ich wurde von meiner „Schrittgeschwindigkeit“ auf Formel-1-Niveau katapultiert. Eine wahnsinnige Beschleunigung, die mir die Kehle zuschnürte. Die Sehnsucht nach frischer Luft und Freiheit war so intensiv wie selten zuvor. Sofort wusste ich, dass ich wieder raus musste aus diesem Beton. Zusammen mit einem Freund hatte ich mir die Landkarte geschnappt und einen Punkt in den Alpen markiert. Ganz spontan, ohne Planung und Ziel, aber mit ganz viel Motivation an Bord sollte die Reise nach Innsbruck gehen. Ich war erholt aus Afrika zurück, doch ich wollte meinen Akku nicht vom Alltag auffressen lassen!

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Der Flughafen in Innsbruck liegt mitten in den Alpen. Das Panorama, das sich uns am Flugzeug auf dem Vorfeld bot, war spektakulär. Einfach da hinauf, für drei Tage frische Alpenluft atmen. Dieser Gedanke ließ mein Herz im Dreieck springen. Wir sattelten unsere Rucksäcke am Flughafen, marschierten zum nächsten Supermarkt und statteten uns mit reichlich Proviant für die nächsten Tage aus. Dann ging es los, zu Fuß den Berg hinauf. Es war schon 19.00 Uhr und die Sonne sollte bald untergehen. Wir benötigten etwa zwei Stunden vom Flughafen auf einen abgelegenen Berghang. Dort konnten wir rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit unser Lager aufbauen und den Alltag ausblenden. Plötzlich war das Gefühl wieder da, das Gefühl von Freiheit und Zufriedenheit. Nachts im Wald unter freiem Himmel mit all den ungewöhnlichen und mystischen Geräuschen kochten wir, zündeten eine Kerze an und genossen die wunderbare Zeit. Fest eingemummelt in meinem Schlafsack blickte ich nach draußen in den Wald und konnte durch die Blätter die Sterne am Himmel zählen.

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Die Sonne war heiß und zeichnete erste Schweißtropfen in unsere Gesichter. Unter strahlend blauem Himmel konnten wir die schneebedeckten Gipfel der Alpen betrachten. Das sind die wilde Schönheit und die atemberaubende Ursprünglichkeit der Natur, die mir so sehr gefehlt haben. Es ist der Moment, den ich mir vor wenigen Tagen im Büro mit leerem Blick aus dem Fenster ausgemalt hatte. Es war der Ort, von dem ich geträumt habe und der mir das Lächeln in mein Gesicht zauberte.

Beim Laufen schossen mir die Gedanken durch den Kopf. Ich war froh, dass ich meine Sehnsucht nach der Natur nicht aufgeschoben und mich losgerissen hatte. Viel zu oft merke ich, dass die Menschen ihre Träume mehr und mehr aufschieben. Die Suche nach Ausreden ist endlos. Doch in Wirklichkeit ist es so einfach, sich die eigenen Träume zu erfüllen. Die wahllosen Dinge, die man sich leistet und die uns für kurze Zeit von der Tristesse des Alltags ablenken, machen uns nicht glücklich. Es geht nicht darum sich ein Statussymbol zu verschaffen und beruflich erfolgreich zu sein. Es geht darum seine eigenen Träume zu leben, Emotionen, Erlebnisse und natürliche Glücksmomente zu spüren. Diese Momente brennen sich in unser Gehirn ein und wir erinnern uns gerne zurück. Niemand wird sich irgendwann einmal daran erinnern, wie erfolgreich die berufliche Karriere war oder wie unglaublich schön der nagelneue Mercedes souverän vorm Eigenheim stand. Viele werden es bereuen ihre Träume ständig aufgeschoben zu haben. Die natürlichen Glücksmomente sind völlig kostenlos und überall zu finden. Und wenn man sich etwas anschaffen muss, dann nur einen Rucksack, mit dem man durch die Wildnis streift, denn dieser öffnet das Tor zum Glücklichsein.

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Die zweite Nacht unter freiem Himmel verbrachten wir auf einer kleinen Lichtung am Rande eines Wanderweges. Wir spannten das Tarp großflächig auf und hatten durch die Bäume ein schönes Panorama. Kurz nach Sonnenuntergang ging der Mond auf, der die Lichtung in ein märchenhaftes Licht eintauchen ließ. Es war windstill, der Himmel klar, die Luft frisch und gemeinsam quatschen wir über das Leben und unsere Abenteuer.

Die Nacht war leider nicht erholsam, da die Hanglage am Berg den Schlafsack wie ein Magnet ins Tal zog. Ständig wachten wir auf und mussten uns Stück für Stück nach oben kämpfen, um wieder in komfortabler Position zu liegen. Trotz all der Umstände sind solche Nächte unvergesslich schön, spannend und einzigartig. Im Morgengrauen wachte ich verschlafen auf, blickte unterm Tarp hervor und sah den Mond, der im gelben Schein über der Lichtung die Berge hell erleuchtete. Es war wunderschön. Ich beobachtete die Umgebung minutenlang und schlief schließlich bei Vogelgezwitscher wieder ein.

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Das Wetter war toll und wir sattelten unsere Rucksäcke für den letzten größeren Anstieg. Heute wollten wir auf den Gipfel des Brandjochkreuzes. Wir wanderten auf 2000 Meter Höhe, schlugen unser Lager auf und liefen die restlichen 226 Meter ohne schweres Gepäck. Die Schneegrenze lag bei ca. 2000 Meter und vereinzelt sind wir durch kleinere Schneepassagen gestiegen, welche eine willkommene Abwechslung für den steinigen Untergrund waren. Oben angekommen war die Belohnung für den Anstieg wirklich unbezahlbar. Die Aussicht über Innsbruck und die Alpen war gigantisch. Der Wind pfiff heftig und bereitete uns ein unverfälschtes Naturerlebnis. Der Gipfel des Brandjoch-kreuzes ist ein fantastischer Fleck auf unserem „blauen Planeten“.

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Am letzten Abend zog von Südwest eine Schlechtwetterfront auf. Der Wind fegte gegen unsere Schlafsäcke und das Tarp vibrierte. Der Himmel zeichnete spektakuläre Wolkenformationen und die Sonne verschwand hinterm Horizont. Am frühen Morgen waren wir in einer Wolkendecke gefangen und es fing wie aus Eimern an zu regnen. Der Abstieg ins Tal erforderte höchste Konzentration, da der Untergrund durch den strömenden Regen extrem rutschig geworden war. Unsere Rucksäcke drückten uns den Berg hinunter und beschleunigten den Abstieg.

Das kleine Abenteuer in den Alpen war eine herrliche Auszeit vom Vollgas-Zeitalter. Die gewaltige, wunderbare Natur ist der Ruhepol! Die Ursprünglichkeit draußen vor der Tür ist stärker als das Inferno im Alltag und schenkt Kraft. Ja, es geht! Raus aus dem Beton, den „Highway to Hell“ verlassen und die Freiheit spüren. Einfach fantastisch!

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